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Ungewollte Bestäubung erkennen: Woran du Samen in den Blüten bemerkst

Von Aktualisiert am 5 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Sicher erkennst du eine ungewollte Bestäubung erst an Samen: Einzelne Hüllblätter der Blüten wölben sich deutlich, und beim vorsichtigen Öffnen findest du darin einen harten Samen. In einer Studie waren in zwittrigen Blütenständen nach drei bis vier Wochen Samen ausgebildet. Braune, welke Narbenfäden allein beweisen nichts, denn sie gehören auch zur normalen Reife. Der Pollen stammt von männlichen Pflanzen, von Zwitterblüten mit Staubbeuteln oder wird von außen eingeweht.

Inhalt(8 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Sicheres Zeichen
Samen im Hüllblatt der Einzelblütedas Hüllblatt wölbt sich und platzt später oft auf
Samen erkennbar
nach ca. 3–4 WochenBeobachtung an zwittrigen Blütenständen; hängt von Sorte und Bedingungen ab
Zwitterblüten
bei ca. 5–10 % der Pflanzenin einer Studie mit drei Sorten, ab etwa der 4. Blütewoche
Pollen befruchtungsfähig
vor allem in den ersten ca. 3 Tagendanach rascher Abfall der Lebensfähigkeit
Cannabinoidgehalt nach Befruchtung
ca. 60–75 % niedrigerkleine Studie, Pflanzen während der ganzen Blüte mit Pollenspender

Woran du eine Bestäubung sicher erkennst

Das einzige eindeutige Zeichen ist ein Samen. Jede weibliche Einzelblüte besteht aus einem Fruchtknoten, den ein kleines Hüllblatt umschließt (botanisch Perigonblatt, im Growerjargon „Kelch“ oder „Calyx“); aus ihm ragen zwei Narbenfäden, die Pollen auffangen. Wird die Blüte befruchtet, wächst der Samen in diesem Hüllblatt heran. Es wölbt sich dann deutlich stärker als seine Nachbarn, fühlt sich fest an und platzt später oft seitlich auf. Wie Bestäubung und Befruchtung im Detail ablaufen, erklärt der Artikel Bestäubung als botanischer Prozess.

Bis der Samen erkennbar ist, vergehen einige Wochen. In einer kanadischen Untersuchung an zwittrigen Pflanzen waren nach drei bis vier Wochen ausgebildete Samen unter den Hüllblättern zu finden. In einem Züchtungsprotokoll für Hanf, das die Samenreife mit Dauerlicht und Trockenstress beschleunigt, wurden die Samen etwa 30 bis 35 Tage nach dem Erscheinen der Blüten geerntet, sobald sie braun waren. Daraus folgt: Pollen, der in den ersten Blütewochen ankommt, hat bis zur Ernte genug Zeit für reife, dunkle Samen. Bei einer Bestäubung kurz vor der Ernte bleiben die Samen eher klein und hell.

So prüfst du einen Verdacht:

  1. Betrachte die Blüten mit Lupe oder Taschenmikroskop und merke dir Hüllblätter vor, die auffällig dick und einzeln hervortreten.

  2. Öffne ein verdächtiges Hüllblatt vorsichtig mit Pinzette oder Fingernagel. Ein Samen ist hart, glatt und tropfenförmig.

  3. Prüfe mehrere Stellen, auch im Inneren der Pflanze und an unteren Trieben, denn Pollen verteilt sich ungleichmäßig.

Frühe Hinweise und warum braune Narbenfäden nichts beweisen

In den ersten Tagen nach einer Bestäubung ist kaum etwas zu sehen. Allgemein gilt: Nach erfolgreicher Bestäubung altern die Blütenorgane, die ihre Aufgabe erfüllt haben, während der Fruchtknoten zu wachsen beginnt. Bei Cannabis gilt es deshalb als Faustregel, dass bestäubte Narbenfäden früher welken als unbestäubte; genaue Zeitangaben aus Studien gibt es dafür nicht. Aufschlussreich ist der Gegenfall: Unbestäubte Narben wachsen weiter. In einer kanadischen Studie wurden sie im Mittel über 8 mm lang, in Wildbeständen und Hanffeldern mit reichlich Pollen nur etwa 3 mm.

Das Problem: Narbenfäden werden auch ohne Pollen braun. In der Untersuchung an zwittrigen Pflanzen war die normale Reife in der fünften und sechsten Blütewoche durch eingerollte, braun bis rötlich verfärbte Narben und anschwellende Blütenteile gekennzeichnet. Braune Narbenfäden sind also zuerst ein Reifezeichen – wie du sie dafür nutzt, beschreibt der Artikel Reifezeichen der Pflanze. Verdächtig ist eher ein Muster: Narben welken früh und stellenweise, lange bevor die übrige Pflanze reif wirkt, und einige Wochen später verdicken sich an genau diesen Stellen einzelne Hüllblätter.

Woher der Pollen stammt

Cannabis wird vom Wind bestäubt, und männliche Blüten geben große Mengen Pollen ab. Drei Quellen kommen infrage:

  • Männliche Pflanzen. Aus regulären Samen entstehen etwa gleich viele männliche wie weibliche Pflanzen. Männliche Blüten sitzen als kleine, geschlossene Knospen an rispenartigen Trieben und zeigen sich oft früher als weibliche. Wie du sie erkennst, erklärt Geschlecht erkennen.

  • Zwitterblüten. Auch genetisch weibliche Pflanzen können Staubbeutel bilden. In der kanadischen Untersuchung erschienen einzelne Staubbeutel oder kleine Büschel ab etwa der vierten Blütewoche bei 5 bis 10 % der Pflanzen – leuchtend gelb, etwa 2 bis 3 mm lang, teils bananenförmig, direkt neben den Narbenfäden. Ihr Pollen war keimfähig, und an denselben Blütenständen bildeten sich Samen. Mehr dazu unter Zwittermerkmale.

  • Pollen von außen. Draußen können männliche Pflanzen in der Nachbarschaft, Hanffelder oder verwilderter Hanf die Quelle sein. Die Pollenmenge sinkt mit der Entfernung erst rasch, dann nur noch langsam; eine Entfernung, die Windbestäubung sicher ausschließt, gibt es nicht.

Frischer Pollen ist am gefährlichsten. Messungen zeigen die höchste Lebensfähigkeit in den ersten drei Tagen nach dem Öffnen der Staubbeutel, danach fällt sie rasch ab.

Was eine Bestäubung für die Ernte bedeutet

Befruchtete Blüten bilden weniger Inhaltsstoffe. In einer israelischen Studie sank der Cannabinoidgehalt befruchteter Blütenstände im Mittel um 75 % bei einer THC-reichen und um 60 % bei einer CBD-reichen Sorte, unabhängig davon, welche männliche Pflanze bestäubt hatte. Das Verhältnis der Cannabinoide zueinander blieb dabei weitgehend erhalten. Die Studie war klein – drei Pflanzen je Variante –, und die Pflanzen standen während der gesamten Blüte mit einem Pollenspender zusammen.

Für den Eigenanbau heißt das: Eine starke, frühe Bestäubung kann eine Ernte deutlich entwerten, während einzelne Samen vor allem beim Trimmen stören. Wie stark wenige verstreute Samen den Gehalt der gesamten Ernte verändern, ist nicht untersucht.

So gehst du bei Verdacht vor

  1. Pollenquelle suchen. Kontrolliere alle Pflanzen auf männliche Blüten und auf Staubbeutel zwischen den Narbenfäden, auch an schlecht einsehbaren Stellen.

  2. Quelle vorsichtig entfernen. Männliche Pflanzen trägst du aus dem Raum, ohne sie zu schütteln. Einzelne Staubbeutel zupfst du mit einer Pinzette ab. Bildet eine Pflanze immer wieder neue, musst du abwägen, ob sie bleiben kann.

  3. Pollen nicht verschleppen. Pollen setzt sich auf Blättern, Flächen und Kleidung ab. Wische Flächen feucht ab, statt sie abzupusten, und wechsle nach dem Kontakt mit männlichen Pflanzen die Kleidung.

  4. Betroffene Stellen markieren. Notiere, welche Triebe betroffen waren, und prüfe sie in den folgenden Wochen auf verdickte Hüllblätter.

  5. Normal weiterpflegen. Eine erfolgte Befruchtung lässt sich nicht rückgängig machen. Samen entfernst du nach der Trocknung beim Trimmen.

Weitere Artikel zu Blüte, Pollen und Samen findest du in der Kategorie Bestäubung & Samenbildung.

Häufige Verwechslungen und Fehler

  • Braune Narbenfäden als Bestäubung deuten. Sie gehören zur normalen Reife. Entscheidend ist, ob sich darunter ein Samen bildet.

  • Dicke Hüllblätter für Samen halten. Gegen Ende der Blüte schwellen Blütenteile auch ohne Befruchtung an. Erst das Öffnen zeigt, ob ein Samen darin steckt.

  • Staubbeutel und Narbenfäden verwechseln. Narbenfäden sind dünn und haarförmig. Staubbeutel sind kleine, gelbliche, längliche Gebilde, teils bananenförmig gebogen.

  • Männliche Pflanzen zu lange stehen lassen. Wer abwartet, bis sich die Blüten öffnen, riskiert, dass der Pollen schon verteilt ist.

  • Sich auf feminisierte Samen verlassen. Auch genetisch weibliche Pflanzen können Staubbeutel bilden, wie der Artikel Feminisierte Samen erklärt.

  • Nur zu Beginn der Blüte kontrollieren. Zwitterblüten traten in der Studie erst ab etwa der vierten Blütewoche auf. Regelmäßige Kontrollen bis kurz vor der Ernte sind deshalb sinnvoll.

Häufige Fragen

Kann ich eine Bestäubung rückgängig machen?

Nein. Ist eine Blüte befruchtet, entwickelt sich der Samen weiter. Du kannst nur verhindern, dass weitere Blüten Pollen abbekommen, indem du die Pollenquelle entfernst. Die Pflanze pflegst und erntest du wie geplant; Samen sammelst du nach dem Trocknen beim Trimmen heraus.

Wie lange bleibt Cannabispollen befruchtungsfähig?

Ohne Kühlung nur kurz. In einer indischen Untersuchung war die Lebensfähigkeit in den ersten drei Tagen nach dem Öffnen der Staubbeutel am höchsten und fiel danach rasch ab. Die Oregon State University nennt weniger als 10 % lebensfähigen Pollen am neunten Tag. Das größte Risiko geht deshalb von Pflanzen aus, die gerade aktiv Pollen abgeben.

Wie weit kann Cannabispollen fliegen?

Sehr weit. Die Pollenmenge nimmt nahe der Quelle rasch ab, danach aber nur noch langsam. Für die Saatgutvermehrung von Nutzhanf gelten in Europa und Kanada deshalb Isolationsabstände von 5 km, und eine Entfernung, die eine Windbestäubung sicher ausschließt, gibt es nicht. Draußen lässt sich eine Fremdbestäubung also nie ganz ausschließen.

Taugen Samen aus einer Zwitterbestäubung für einen neuen Durchgang?

Keimfähig sind sie meist: In einer kanadischen Studie keimten Samen aus Zwitterblüten zu 90 bis 95 %, und alle Nachkommen waren genetisch weiblich. Die Nachkommen unterscheiden sich allerdings untereinander, denn die genetische Vielfalt war nach dieser Selbstbestäubung ähnlich groß wie nach einer normalen Kreuzung. Ob sich die Neigung zu Zwitterblüten vererbt, ist nicht ausreichend untersucht.

Mindern ein paar einzelne Samen die ganze Ernte?

Messwerte gibt es vor allem für stark bestäubte Pflanzen, bei denen der Cannabinoidgehalt deutlich sank. Wie sich wenige verstreute Samen auf die gesamte Ernte auswirken, ist nicht untersucht. Samen entstehen nur in Blüten, die Pollen erhalten haben – je früher du die Quelle entfernst, desto eher bleibt es bei einzelnen Stellen.

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Quellen

  1. Hermaphroditism in Marijuana (Cannabis sativa L.) Inflorescences – Impact on Floral Morphology, Seed Formation, Progeny Sex Ratios, and Genetic Variation Punja, Holmes – Frontiers in Plant Science 11, 2020Staubbeutel in weiblichen Blütenständen ab etwa Blütewoche 4 bei 5–10 % der Pflanzen; Samen nach 3–4 Wochen; normale Reife mit braunen Narben und anschwellenden Blütenteilen; Keimrate, Geschlecht und genetische Vielfalt der Nachkommen.
  2. Expansion of female sex organs in response to prolonged virginity in Cannabis sativa (marijuana) Small, Naraine – Genetic Resources and Crop Evolution 63, 2015Narben unbestäubter Blüten werden im Mittel über 8 mm lang, in Beständen mit reichlich Pollen nur etwa 3 mm.
  3. Fertilization Following Pollination Predominantly Decreases Phytocannabinoids Accumulation and Alters the Accumulation of Terpenoids in Cannabis Inflorescences Lipson Feder et al. – Frontiers in Plant Science 12, 2021Befruchtung senkte den Cannabinoidgehalt um durchschnittlich 75 % (THC-reiche Sorte) bzw. 60 % (CBD-reiche Sorte); nach der Bestäubung altern Blütenorgane, der Fruchtknoten wächst.
  4. Architecture and Florogenesis in Female Cannabis sativa Plants Spitzer-Rimon, Duchin, Bernstein, Kamenetsky – Frontiers in Plant Science 10, 2019Aufbau der weiblichen Einzelblüte: Fruchtknoten im Hüllblatt (perigonal bract), aus dem zwei Narben herauswachsen.
  5. A Preliminary Study of Pollen Dispersal in Cannabis sativa in Relation to Wind Direction Small, Antle – Journal of Industrial Hemp 8, 2003Cannabispollen wird in großen Mengen über weite Strecken vom Wind verbreitet; 5 km Isolationsabstand für hochwertiges Hanfsaatgut; Pollenmenge sinkt erst rasch, dann langsam.
  6. Hemp sex-ed: A primer on pollination (EM 9279) Nackley, Buckland, Roseberg – Oregon State University Extension Service, 2020Windbestäubung, Aussehen männlicher Blüten, Pollen nach neun Tagen zu weniger als 10 % lebensfähig, kein Abstand schließt Bestäubung sicher aus.
  7. Effect of seasonality and time after anthesis on the viability and longevity of Cannabis sativa pollen Choudhary, Siddiqui, Bi, Khatoon – Palynology 38, 2014Pollen ist in den ersten drei Tagen nach dem Öffnen der Staubbeutel am lebensfähigsten, danach sinkt die Lebensfähigkeit rasch.
  8. A protocol for rapid generation cycling (speed breeding) of hemp (Cannabis sativa) for research and agriculture Schilling et al. – The Plant Journal 113, 2022Im beschleunigten Züchtungsprotokoll wurden Samen etwa 30–35 Tage nach dem Erscheinen der Blüten geerntet, sobald sie braun waren.

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