Mendelsche Regeln: Wie einzelne Gene bei Cannabis vererbt werden
Kurz erklärt
Die drei mendelschen Regeln beschreiben, wie einzelne Gene vererbt werden: Kreuzt man zwei reinerbige Elternpflanzen, ist die erste Tochtergeneration einheitlich (Uniformitätsregel); in der zweiten Generation spalten Merkmale nach festen Verhältnissen wie 3:1 auf (Spaltungsregel); und Gene auf verschiedenen Chromosomen werden unabhängig voneinander weitergegeben (Unabhängigkeitsregel). Jedes Kind erhält von jedem Elternteil genau ein Allel pro Gen. Bei Cannabis gelten die Regeln sauber vor allem für einzelne, monogene Merkmale wie den Chemotyp.
Inhalt(7 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Die drei Regeln
- Uniformität, Spaltung, Unabhängigkeitbeschreiben die Vererbung einzelner Gene
- Spaltung in F2 (1 Gen, dominant)
- ca. 3:1bei vollständiger Dominanz; Mendel zählte 705 zu 224 Pflanzen
- Spaltung in F2 (kodominant)
- 1:2:1Beispiel Cannabis: THC-/CBD-Chemotyp
- Dihybrider Erbgang (2 Gene)
- 9:3:3:1gilt nur, wenn beide Gene unabhängig voneinander vererbt werden
- Genetischer Beitrag der Eltern
- je 1 Allel pro Gen von jedem Elternteilgilt für Gene im Zellkern gleichermaßen für Samen- und Pollenspender
Die drei mendelschen Regeln im Überblick
Gregor Mendel leitete seine Regeln in den 1860er-Jahren aus Kreuzungsversuchen mit reinerbigen Erbsenlinien ab. Er kreuzte Pflanzen, die sich in einem einzigen Merkmal unterschieden, etwa violette gegen weiße Blüten, und verfolgte, wie sich das Merkmal über zwei Generationen verhielt. Aus rund 20.000 ausgewerteten Pflanzen ergaben sich drei wiederkehrende Muster, die als mendelsche Regeln in die Genetik eingingen.
Regel | Aussage | Beispiel bei einem Gen |
|---|---|---|
Uniformitätsregel | Kreuzt man zwei reinerbige Eltern mit unterschiedlicher Ausprägung, ist die F1 einheitlich | 100 % violett blühende F1 aus violett × weiß |
Spaltungsregel | In der F2 tritt die in der F1 verschwundene Ausprägung wieder auf, in einem festen Zahlenverhältnis | ca. 3:1 (violett zu weiß) bei vollständiger Dominanz |
Unabhängigkeitsregel | Werden zwei Gene gleichzeitig betrachtet, vererben sie sich unabhängig voneinander | 9:3:3:1 in der F2 bei zwei Genen |
Mendel selbst zählte für die Blütenfarbe 705 violett und 224 weiß blühende F2-Pflanzen – ein Verhältnis von etwa 3,15 zu 1. Wie sich diese Zahlenverhältnisse auf Kreuzungen bei Cannabis übertragen lassen und wo die F1- und F2-Generation praktisch herkommen, erklärt der Artikel zur F1-Generation.
Allele, dominant und rezessiv: die Grundbegriffe
Jedes Gen liegt bei Cannabis wie bei den meisten Pflanzen in zwei Kopien vor, je einer auf einem der beiden homologen Chromosomen. Die Varianten eines Gens heißen Allele. Für ein Gen mit den Allelen A und a sind drei Kombinationen möglich: AA, Aa oder aa. Trägt eine Pflanze zwei gleiche Allele, ist sie homozygot (reinerbig); bei zwei unterschiedlichen Allelen ist sie heterozygot (mischerbig).
Ob sich ein Allel im äußeren Erscheinungsbild durchsetzt, hängt von seinem Verhalten ab. Ein dominantes Allel zeigt sich schon in einfacher Ausführung, also sowohl bei AA als auch bei Aa. Ein rezessives Allel wird dagegen von einem dominanten Partner überdeckt und zeigt sich nur bei aa. Mendel beschrieb das an der Blütenfarbe: Violett war dominant, Weiß rezessiv, und weiß blühende Pflanzen tauchten erst in der F2 wieder auf, weil sich dort reinerbig rezessive Nachkommen bildeten.
Cannabis liefert ein Beispiel, bei dem sich beide Allele gleichzeitig zeigen: das Verhältnis von THC zu CBD. Kreuzt man eine reine THC- mit einer reinen CBD-Inzuchtlinie, bilden alle F1-Pflanzen beide Stoffe – die Allele verhalten sich kodominant. In der F2 spaltete sich das Merkmal im Verhältnis 1:2:1 in reine CBD-, gemischte und reine THC-Pflanzen auf, genau das Muster, das die Spaltungsregel für ein einzelnes Gen mit zwei gleichrangigen Allelen vorhersagt.
Ein Merkmal, das wie der Chemotyp von einem einzigen Gen bestimmt wird, heißt monogen. Die Autoflower-Eigenschaft ist ein weiteres monogenes Beispiel: Sie wird rezessiv vererbt, weshalb Kreuzungen mit photoperiodischen Pflanzen in der F1 durchweg photoperiodisch blühen und in der F2 erst wieder rund ein Viertel der Pflanzen tagneutral blüht. Die meisten Merkmale, auf die es im Anbau ankommt, etwa Wuchshöhe oder Ertrag, sind dagegen polygen, also von vielen Genen gleichzeitig abhängig – wie das genau funktioniert, beschreibt der Artikel zu polygenen Merkmalen.
Der genetische Beitrag beider Eltern
Bei der Befruchtung gibt jeder Elternteil genau ein Allel pro Gen an den Nachkommen weiter – unabhängig davon, ob er über den Samen oder über den Pollen beiträgt. Physikalisch liegt das an der Meiose: Bei der Bildung von Keimzellen trennen sich die beiden homologen Chromosomen und damit die beiden Allele eines Gens voneinander, sodass jede Keimzelle nur eine der beiden Varianten enthält. Aus der zufälligen Vereinigung von Samen- und Pollenzelle ergeben sich die in der Tabelle oben gezeigten Verhältnisse.
Für Gene im Zellkern gilt das gleichermaßen für beide Elternpflanzen. Im Grow-Jargon klingt „Mutterpflanze“ so, als würde sie mehr zum Erbgut beitragen als der Pollenspender – tatsächlich beschreibt der Begriff nur, welche Pflanze die Samen trägt, nicht einen größeren genetischen Anteil. Welche Eigenschaften eine Pflanze insgesamt zeigt, hängt zusätzlich davon ab, wie die geerbten Allele mit der Umwelt zusammenwirken; das erklärt ausführlich der Artikel zu Genotyp und Phänotyp.
Wo Missverständnisse entstehen
Die Unabhängigkeitsregel gilt nur, wenn die beiden betrachteten Gene auf unterschiedlichen Chromosomen liegen oder auf demselben Chromosom weit genug auseinander. Liegen zwei Gene eng benachbart, werden sie häufiger gemeinsam vererbt, als es die 9:3:3:1-Regel vorhersagt – Fachleute sprechen von Kopplung. Für den Eigenanbau heißt das: Zwei wünschenswerte Eigenschaften lassen sich nicht automatisch beliebig neu kombinieren, wenn ihre Gene eng gekoppelt sind.
Ein Merkmal, das über mehrere Generationen scheinbar treu vererbt wurde, muss nicht reinerbig sein. Eine mischerbige Pflanze zeigt dieselbe Ausprägung wie eine reinerbig-dominante, solange nur das dominante Allel sichtbar wird – erst eine Kreuzung mit Nachkommenprüfung deckt den Unterschied auf. Wie stark verschiedene Nachkommen einer Kreuzung tatsächlich streuen, erklärt der Artikel zur F1-Generation, und woher überhaupt neue Allele stammen, beschreibt der Artikel zur genetischen Variation.
Häufige Irrtümer zu den mendelschen Regeln
„Mendels Regeln gelten für jedes Merkmal gleich gut.“ Sie beschreiben sauber nur monogene Merkmale. Ertrag, Wuchshöhe oder Stresstoleranz hängen von vielen Genen ab und zeigen fließende statt klar getrennter Ausprägungen.
„Dominant bedeutet stärker oder besser.“ Dominant beschreibt nur, welches Allel sich im Erscheinungsbild durchsetzt, nicht dessen Nützlichkeit. Ein dominantes Allel kann genauso nachteilig sein wie ein rezessives.
„Zwei ähnlich aussehende Elternpflanzen sind automatisch reinerbig.“ Auch mischerbige Pflanzen können identisch aussehen wie reinerbige, solange das dominante Allel den Phänotyp bestimmt.
„Die Mutterpflanze vererbt mehr als der Pollenspender.“ Für Gene im Zellkern trägt jeder Elternteil ein Allel pro Gen bei; die Bezeichnung „Mutter“ beschreibt nur die Rolle bei der Samenbildung.
„F1-Pflanzen sind immer einheitlich.“ Das gilt nur, wenn beide Eltern reinerbig sind. Bei mischerbigen Eltern – bei Cannabis der Regelfall – spaltet ein Merkmal schon in der F1 auf.
Häufige Fragen
Was ist ein Allel?
Ein Allel ist eine von mehreren möglichen Varianten eines Gens, die an derselben Stelle (Locus) auf zwei homologen Chromosomen sitzen kann. Für ein Gen mit den Allelen A und a kann eine Pflanze die Kombination AA, Aa oder aa tragen. Welches Allel sich im Erscheinungsbild durchsetzt, hängt vom Verhältnis der Allele zueinander ab.
Was bedeutet homozygot und heterozygot?
Homozygot (reinerbig) ist eine Pflanze, wenn sie für ein Gen zwei gleiche Allele trägt, etwa AA oder aa. Heterozygot (mischerbig) ist sie bei zwei unterschiedlichen Allelen, also Aa. Nur reinerbige Pflanzen geben garantiert nur eine Allelvariante an ihre Nachkommen weiter, mischerbige geben beide Varianten in etwa gleichen Anteilen weiter.
Was ist ein monogenes Merkmal?
Ein monogenes Merkmal wird von einem einzigen Gen bestimmt und zeigt sich meist in klar unterscheidbaren Klassen, etwa reine THC- oder reine CBD-Bildung. Die meisten Merkmale, die für den Ertrag wichtig sind, etwa Wuchshöhe oder Blütenmenge, werden dagegen von vielen Genen gemeinsam bestimmt. Mehr dazu erklärt der Artikel zu polygenen Merkmalen.
Warum passen Mendels Regeln nicht immer exakt auf Cannabis?
Mendel arbeitete mit reinerbigen, sich selbst bestäubenden Erbsenlinien. Cannabis ist zweihäusig, lässt sich nicht ohne Weiteres selbst bestäuben, und die meisten Elternpflanzen im Anbau sind nicht vollständig reinerbig. Dazu kommt: Nur wenige Cannabis-Merkmale werden von einem einzelnen Gen bestimmt, die meisten hängen von vielen Genen und der Umwelt gemeinsam ab.
Vererbt die Mutterpflanze mehr Erbgut als der Pollenspender?
Nein, für die Gene im Zellkern nicht. Jeder Elternteil gibt bei der Befruchtung ein Allel pro Gen weiter, unabhängig davon, ob er die Samen oder den Pollen liefert. Die Bezeichnung „Mutterpflanze“ beschreibt nur, welche Pflanze die Samen trägt, nicht einen größeren genetischen Anteil.
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Quellen
- 12.1 Mendel's Experiments and the Laws of Probability – Biology 2e Clark, Douglas, Choi – OpenStax, Rice University, 2018Mendels Kreuzungen mit Erbsen: reinerbige Linien, 100 % einheitliche F1, 3:1-Spaltung in der F2 (705 zu 224 Pflanzen), Definition von dominant und rezessiv, je ein Allel von jedem Elternteil.
- 12.3 Laws of Inheritance – Biology 2e Clark, Douglas, Choi – OpenStax, Rice University, 2018Formulierung von Spaltungs- und Unabhängigkeitsregel, physikalische Grundlage in der Meiose, dihybrider Erbgang mit 9:3:3:1-Verhältnis am Beispiel der Erbse.
- Crop Genetics – Chapter 4: Gene Segregation and Genetic Recombination Muenchrath, Campbell, Merrick, Lübberstedt, Fei, Suza – Iowa State University, 2023Definitionen von Allel, homozygot, heterozygot, dominant, rezessiv; Abgrenzung von qualitativer (monogener) und quantitativer (polygener) Vererbung; je ein Allel pro Gen von jedem Elternteil.
- The Inheritance of Chemical Phenotype in Cannabis sativa L. de Meijer, Bagatta, Carboni, Crucitti, Moliterni, Ranalli, Mandolino – Genetics 163, 2003Chemotyp als monogenes, kodominantes Merkmal: F1 aus reinen THC- und CBD-Inzuchtlinien gemischt, F2 im Verhältnis 1:2:1 aufgespalten.
- Identification and mapping of major-effect flowering time loci Autoflower1 and Early1 in Cannabis sativa L. Toth, Stack, Carlson, Smart – Frontiers in Plant Science 13, 2022Autoflower-Eigenschaft als monogenes, rezessives Merkmal: F1 durchweg photoperiodisch, in der F2 blühten rund ein Viertel der Pflanzen tagneutral.
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