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Polygene Merkmale: Warum Ertrag und Wuchs nicht nach einfachen Regeln vererbt werden

Von Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Ein polygenes Merkmal wird von vielen Genen gleichzeitig bestimmt, von denen jedes nur einen kleinen Beitrag leistet. Statt weniger klar unterscheidbarer Klassen zeigt sich deshalb eine fließende, glockenförmige Verteilung, und die Umwelt beeinflusst das Ergebnis stark mit. Bei Cannabis gelten Wuchshöhe, Ertrag und viele Wachstumsmerkmale als polygen, während einzelne Inhaltsstoff-Verhältnisse eher wenigen Hauptgenen folgen. Für die Züchtung bedeutet das: Polygene Merkmale lassen sich nur über viele Pflanzen und Generationen verlässlich verbessern, nicht über eine einzelne Kreuzung.

Inhalt(6 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Polygenes Merkmal
von vielen Genen mit je kleinem Effekt bestimmtauch Quantitative Trait Loci (QTL) genannt
Verteilung
kontinuierlich, glockenförmigstatt weniger klar getrennter Klassen wie bei monogenen Merkmalen
QTL bei Cannabis (eine Studie)
69 Genorte, 34 agronomisch, 35 biochemischKreuzung zweier Hanf-Elternlinien (Woods et al. 2021)
Umweltabhängigkeit
hoch bei Wuchshöhe, Ertrag, Wasserverbrauchin Hanf-Feldversuchen an mehreren Standorten deutlich stärker als bei Reifezeit oder Chemotyp
Züchterische Konsequenz
Auslese über viele Pflanzen und Generationen nötigeinzelne Kreuzungen liefern keine verlässliche Vorhersage

Was ein polygenes Merkmal ist

Ein polygenes Merkmal wird nicht von einem einzelnen Gen, sondern von vielen Genen gleichzeitig bestimmt, von denen jedes für sich nur einen kleinen Beitrag zur Ausprägung leistet. In der Züchtungslehre heißt jeder dieser beteiligten Genorte QTL (Quantitative Trait Locus). Die einzelnen QTL wirken zusammen und addieren sich in ihrer Wirkung – je mehr günstige Varianten eine Pflanze an den beteiligten Genorten trägt, desto stärker fällt das Merkmal typischerweise aus.

Weil so viele Genorte beteiligt sind, zeigt sich das Ergebnis nicht in wenigen klar getrennten Klassen wie bei einem einzelnen Gen, sondern als kontinuierliche, glockenförmige Verteilung: Die meisten Pflanzen liegen im mittleren Bereich, wenige an den Rändern. Dazu kommt, dass polygene Merkmale deutlich stärker auf die Umwelt reagieren als monogene. Die Züchtungslehre beschreibt das mit demselben Modell wie bei anderen umweltabhängigen Eigenschaften: Phänotyp = Genotyp + Umwelt + Wechselwirkung. Typische Beispiele aus dem Pflanzenbau sind Ertrag, Wuchskraft, Photosyntheserate und Trockentoleranz. Wie sich diese Formel im Detail auf sichtbare Merkmale auswirkt, erklärt der Artikel zu Genotyp und Phänotyp.

Den Gegensatz dazu bilden monogene Merkmale, die von einem einzigen Gen bestimmt werden und meist klar unterscheidbare Ausprägungen zeigen, wie das Verhältnis von THC zu CBD bei Cannabis. Wie sich Allele bei einem einzelnen Gen nach festen Verhältnissen aufspalten, beschreibt der Artikel zu den mendelschen Regeln.

Polygene Merkmale bei Cannabis: was die Forschung zeigt

Eine Kreuzungsstudie an zwei genetisch unterschiedlichen Hanflinien kartierte 69 Genorte, die zu Unterschieden zwischen den Elternlinien beitrugen: 34 für agronomische Merkmale wie Wuchshöhe, Stängeldurchmesser, Biomasse, Samenertrag und Reifezeitpunkt, 35 für biochemische Merkmale wie Cannabinoid- und Terpengehalte. Ein auffälliger Unterschied zwischen beiden Gruppen: Die biochemischen Merkmale zeigten insgesamt eine höhere Heritabilität – der Anteil der Unterschiede zwischen Pflanzen, der auf die Genetik zurückgeht, war größer – und ihre Genorte häuften sich stärker an wenigen Stellen im Erbgut. Die agronomischen Merkmale waren dagegen auf mehr, kleinere Effekte verteilt und damit empfindlicher gegenüber der Umwelt.

Diese Umweltempfindlichkeit zeigt sich auch in Feldversuchen. Eine Untersuchung an Hanf-Sorten an mehreren Standorten in Colorado fand, dass Wuchshöhe, Kornertrag und Wasserverbrauch stark vom Standort und vom Zusammenspiel zwischen Sorte und Standort abhingen – zwei Sorten konnten je nach Standort ihre Rangfolge tauschen. Reifezeit sowie THC- und CBD-Bildung waren dagegen von Standort zu Standort deutlich stabiler und folgten überwiegend der Genetik. Dieses Muster passt zur QTL-Studie: Merkmale mit wenigen, starken Genorten verhalten sich stabiler, Merkmale mit vielen, kleinen Genorten reagieren empfindlicher auf äußere Bedingungen.

Für die Praxis bedeutet das: Angaben zu Ertrag oder Wuchshöhe aus einer Quelle beschreiben immer eine bestimmte Genetik unter bestimmten Bedingungen, nicht einen festen, übertragbaren Wert. Reifezeit und Chemotyp lassen sich dagegen mit mehr Zuversicht auf andere Anbaubedingungen übertragen.

Was das für Züchtung und Sortenvergleiche bedeutet

Weil an einem polygenen Merkmal viele Genorte beteiligt sind, lässt es sich nicht über eine einzelne Kreuzung mit einem festen Zahlenverhältnis vorhersagen, wie es bei einem monogenen Merkmal möglich ist. Stattdessen wählen Züchter über mehrere Generationen hinweg jeweils die am besten geeigneten Pflanzen aus einer größeren Zahl von Nachkommen aus und kreuzen diese gezielt weiter. Dieses Vorgehen bringt das Merkmal schrittweise in die gewünschte Richtung, ohne dass ein einzelnes Kreuzungsergebnis schon Gewissheit liefert.

Entscheidend für eine verlässliche Auswahl ist, Umwelteinflüsse möglichst klein zu halten: Nur wenn alle verglichenen Pflanzen unter denselben Bedingungen stehen, lassen sich Unterschiede im Ertrag oder Wuchs überhaupt der Genetik zuordnen und nicht dem Standort im Zelt. Wie ein solcher Vergleich in der Praxis abläuft, beschreibt der Artikel Phäno-Hunt. Auch die Wuchskraft, die bei Kreuzungen genetisch unterschiedlicher Elternpflanzen entstehen kann, hängt teils von polygenen Mechanismen ab – mehr dazu im Artikel zu Hybridvigor und Heterosis. Einen Überblick über weitere Grundbegriffe der Vererbung bietet die Kategorie Genetik-Grundlagen.

Häufige Irrtümer rund um polygene Merkmale

  • „Polygen bedeutet nicht vererbbar.“ Polygene Merkmale sind vererbbar, nur eben von vielen Genen gemeinsam statt von einem einzigen. Die Heritabilität kann dabei hoch oder niedrig sein, unabhängig davon, wie viele Gene beteiligt sind.

  • „Jedes Cannabis-Merkmal folgt einem einfachen Kreuzungsschema.“ Nur wenige Merkmale wie der Chemotyp sind monogen genug, um sich mit einer einfachen 3:1- oder 1:2:1-Regel vorherzusagen. Ertrag, Wuchsform und die meisten Wachstumsmerkmale verhalten sich anders.

  • „Ein hoher Ertrag in einem Grow beweist überlegene Genetik.“ Ertrag ist stark umweltabhängig. Ohne Vergleich unter identischen Bedingungen lässt sich kaum unterscheiden, ob ein gutes Ergebnis an der Pflanze oder am Setup lag.

  • „Reifezeit und Chemotyp verhalten sich genauso variabel wie Ertrag.“ Feldversuche zeigen das Gegenteil: Diese Merkmale hängen überwiegend von der Genetik ab und lassen sich zuverlässiger von einem Standort auf einen anderen übertragen als Wuchshöhe oder Ertrag.

  • „Eine einzelne F2-Pflanze mit Spitzenwerten reicht als Beweis für eine gute Kreuzung.“ Bei polygenen Merkmalen streuen Nachkommen breit. Erst die Betrachtung vieler Pflanzen über mehrere Generationen zeigt, ob eine Kreuzung tatsächlich verbessert.

Häufige Fragen

Was unterscheidet polygene von monogenen Merkmalen?

Ein monogenes Merkmal wird von einem einzigen Gen bestimmt und zeigt meist klar getrennte Klassen, wie der Chemotyp bei Cannabis. Ein polygenes Merkmal hängt von vielen Genen mit jeweils kleinem Effekt ab und zeigt eine fließende, kontinuierliche Verteilung. Die mendelschen Regeln lassen sich auf einzelne Gene sauber anwenden, bei polygenen Merkmalen braucht es dafür statistische Methoden.

Was ist eine QTL?

QTL steht für Quantitative Trait Locus, einen Genort, der zu einem polygenen Merkmal beiträgt. Ein einzelnes polygenes Merkmal wird von mehreren bis vielen QTL gemeinsam bestimmt, die sich in ihrem Beitrag stark unterscheiden können. Eine Kreuzungsstudie an Hanf fand beispielsweise 69 solcher Genorte für Wuchs- und Inhaltsstoffmerkmale.

Warum unterscheiden sich Steckling-Geschwister trotz identischer Genetik im Ertrag?

Weil polygene Merkmale wie Ertrag stark auf die Umwelt reagieren: Licht, Topfgröße, Klima und Position im Zelt beeinflussen das Ergebnis mit, selbst bei gleichem Erbgut. Wie stark Umwelt und Genotyp jeweils zum sichtbaren Ergebnis beitragen, erklärt der Artikel zu Genotyp und Phänotyp.

Sind Cannabinoid- und Terpengehalte polygen?

Teils. Eine Kreuzungsstudie fand für Cannabinoid- und Terpengehalte insgesamt weniger, aber stärker geclusterte Genorte als für agronomische Merkmale wie Ertrag oder Wuchshöhe – und eine deutlich höhere Heritabilität. Das Verhältnis von THC zu CBD selbst wird dagegen von einem einzelnen Hauptgen bestimmt, wie der Artikel zu den mendelschen Regeln beschreibt.

Kann man polygene Merkmale gezielt züchten?

Ja, aber nicht über eine einzelne Kreuzung. Züchter wählen über mehrere Generationen hinweg jeweils die Pflanzen mit der besten Ausprägung aus vielen Nachkommen aus und kreuzen diese weiter. Weil die Umwelt mit hineinspielt, braucht diese Selektion einheitliche Anbaubedingungen und ausreichend viele Pflanzen, um Genetik von Zufall zu unterscheiden.

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Quellen

  1. Crop Genetics – Chapter 8: Inheritance of Quantitative Traits Merrick, Meade, Campbell, Muenchrath, Fei, Beavis, Suza – Iowa State University, 2023Definition quantitativer, polygener Merkmale als von vielen QTL mit kumulativem Effekt bestimmt; kontinuierliche Verteilung; Modell Phänotyp = Genotyp + Umwelt + Wechselwirkung; Beispiele Ertrag, Wuchskraft, Trockentoleranz.
  2. Crop Genetics – Chapter 4: Gene Segregation and Genetic Recombination Muenchrath, Campbell, Merrick, Lübberstedt, Fei, Suza – Iowa State University, 2023Abgrenzung qualitativer (monogener, diskreter) von quantitativer (polygener, kontinuierlicher) Vererbung.
  3. Quantitative trait loci controlling agronomic and biochemical traits in Cannabis sativa Woods, Campbell, Nicodemus, Cahoon, Mullen, McKay – Genetics 219, 202169 QTL in einer Hanfkreuzung (34 agronomisch, 35 biochemisch); biochemische Merkmale zeigten eine höhere Heritabilität und stärker geclusterte Genorte als agronomische Merkmale wie Ertrag oder Wuchshöhe.
  4. Genotype × Environment Interactions of Industrial Hemp Cultivars Highlight Diverse Responses to Environmental Factors Campbell, Berrada, Hudalla, Amaducci, McKay – Agrosystems, Geosciences & Environment 2, 2019Hanf-Sortenversuche an mehreren Standorten: Wuchshöhe, Kornertrag und Wasserverbrauch stark von Standort und Wechselwirkung geprägt, Reifezeit sowie THC- und CBD-Bildung fast nur genetisch bestimmt.

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