Organische Substanz im Substrat: Funktion, Humus und Aufbau
Kurz erklärt
Organische Substanz umfasst alle lebenden und toten pflanzlichen und tierischen Bestandteile im Substrat, vom frischen Wurzelrest bis zum fein zersetzten Humus. Sie speichert Wasser und Nährstoffe, erhöht die Kationenaustauschkapazität (die Fähigkeit, Nährstoffionen zu binden), verbessert die Krümelstruktur und ernährt Mikroorganismen. Humus ist dabei der am weitesten zersetzte, stabile Anteil, der über Jahre erhalten bleibt, während frischeres Material schneller ab- und umgebaut wird und dabei Nährstoffe freisetzt.
Inhalt(7 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Zusammensetzung eines idealen Mineralbodens
- ca. 50 % Porenraum, 45 % mineralische Anteile, 5 % organische SubstanzRichtwert für natürliche Böden; Topfsubstrate auf Torf- oder Kokosbasis liegen deutlich höher
- Kationenaustauschkapazität (CEC)
- steigt mit dem Anteil organischer Substanzneben Tonmineralien die zweite wesentliche Quelle für CEC im Boden
- Wasserhaltevermögen
- organische Substanz trägt eigenständig dazu beiwirkt zusätzlich zum Einfluss von Bodentextur/Substratkörnung
Was organische Substanz im Substrat ist
Organische Substanz ist alles, was im Substrat aus einst lebendem Material besteht: Wurzelreste, abgestorbene Mikroorganismen, zugesetzter Kompost oder Wurmhumus, aber auch die Mikroorganismen selbst, solange sie leben. Sie lässt sich grob in zwei Fraktionen unterteilen. Frisches, kaum verändertes Material wird von Bodenorganismen vergleichsweise schnell abgebaut und setzt dabei Nährstoffe frei. Humus ist dagegen der am weitesten zersetzte, dunkle und stabile Rest, der sich kaum noch weiter verändert und über Jahre im Substrat erhalten bleibt.
Diese Unterscheidung ist wichtig, weil beide Fraktionen unterschiedliche Aufgaben übernehmen: Frisches Material liefert vor allem Nährstoffe, Humus vor allem Struktur und Speicherfähigkeit. Ein gutes Substrat enthält im Idealfall beides – ständig nachkommendes frisches Material und einen bereits aufgebauten Humusanteil.
Funktionen organischer Substanz im Wurzelraum
Organische Substanz wirkt im Substrat auf mehreren Ebenen gleichzeitig. Beim Abbau durch Mikroorganismen werden gebundene Nährstoffe nach und nach freigesetzt und den Wurzeln verfügbar gemacht – ein Prozess, der auch die Kohlendioxidproduktion im Substrat erhöht und über die Bildung schwacher Säuren zusätzlich Mineralien aus festen Bestandteilen löst.
Ein zweiter zentraler Effekt betrifft die Kationenaustauschkapazität (CEC) – die Fähigkeit des Substrats, positiv geladene Nährstoffionen wie Kalium, Calcium, Magnesium oder Ammonium zu binden und später wieder abzugeben, statt sie beim Gießen auszuwaschen. Organische Substanz trägt neben Tonmineralien wesentlich zu dieser Austauschkapazität bei; wer sandigen oder stark ausgewaschenen Substraten organisches Material zusetzt, erhöht damit gezielt ihre Fähigkeit, Nährstoffe zu halten.
Drittens beeinflusst organische Substanz das Wasserhaltevermögen: Eine Untersuchung an Maisböden in den USA zeigte, dass organische Substanz eigenständig – unabhängig vom Tongehalt – zur Wasserspeicherung beiträgt und Erträge in Jahren mit wechselhafter Wasserverfügbarkeit stabilisiert. In sandigen Substraten füllt organisches Material Hohlräume zwischen groben Teilchen und bindet zusätzliches Wasser, in feineren Substraten fördert sie die Bildung stabiler Krümel, durch die Wasser leichter zirkulieren kann.
Schließlich ist organische Substanz die Nahrungsgrundlage für Mikroorganismen, Pilze und Bodentiere. Ohne sie fehlt diesen Organismen die Energiequelle, und viele der Prozesse, die Nährstoffe erst pflanzenverfügbar machen, kommen zum Erliegen. Wie diese Lebewesen mit der Sauerstoffversorgung im Substrat zusammenhängen, erklärt der Artikel zur Sauerstoffversorgung der Wurzeln.
Wie viel organische Substanz ein Substrat braucht
Für natürliche, mineralische Gartenböden gilt ein Anteil von etwa 5 % organischer Substanz als anzustrebender Richtwert, neben rund 45 % mineralischen Bestandteilen und 50 % Porenraum für Luft und Wasser. Die meisten natürlichen Böden liegen darunter, besonders wenn sie lange intensiv bearbeitet wurden.
Für Topfsubstrate im Cannabisanbau ist dieser Wert kaum direkt übertragbar: Substrate auf Torf- oder Kokosbasis bestehen zu einem sehr viel größeren Anteil aus organischem Material, weil ihnen der mineralische Bodenanteil eines gewachsenen Bodens fehlt. Entscheidend ist deshalb weniger eine feste Prozentzahl als das Verhältnis aus feinem, wasserhaltendem organischem Material und grobem, luftführendem Material wie Perlit. Wie sich dieses Gleichgewicht in der Praxis einstellen lässt, beschreibt der Artikel Living Soil anlegen.
Organische Substanz aufbauen und erhalten
Organische Substanz wird im Substrat laufend abgebaut und muss deshalb regelmäßig ergänzt werden, besonders wenn ein Substrat über mehrere Grows wiederverwendet wird. Die gängigsten Quellen sind Kompost und Wurmhumus, die sowohl frisches als auch bereits humifiziertes Material liefern.
Eine Mulchschicht auf der Oberfläche schützt vorhandene organische Substanz zusätzlich vor zu schnellem Abbau, weil sie Austrocknung und starke Temperaturschwankungen abpuffert. Wird die Substratoberfläche zwischen Grows nicht mehr umgegraben, sondern nur noch ergänzt, spricht man von No-Till – ein Ansatz, der gezielt darauf setzt, einmal aufgebaute organische Substanz und das daran hängende Bodenleben möglichst wenig zu stören.
Typische Fehler und Irrtümer
Organische Substanz mit Dünger gleichsetzen. Sie ist vor allem ein Speicher- und Strukturelement; wie schnell sie Nährstoffe freisetzt, hängt stark von Zusammensetzung, Feuchtigkeit und Temperatur ab und lässt sich nicht mit einer schnellen mineralischen Düngung vergleichen.
Nur auf die Menge, nicht auf die Qualität achten. Ein hoher Anteil stark zersetzten, feinen Materials ohne grobe Struktur führt eher zu einem zu nassen, schlecht durchlüfteten Substrat als zu gesundem Wurzelwachstum.
Erschöpfung bei wiederverwendetem Substrat übersehen. Nach einem Grow ist ein Teil der ursprünglichen organischen Substanz bereits abgebaut oder aufgenommen. Ohne Nachschub verschlechtert sich Struktur und Speicherfähigkeit von Zyklus zu Zyklus.
Frisches, unreifes Material mit Humus verwechseln. Nicht ausreichend zersetztes organisches Material kann Wurzeln schädigen statt zu nützen; erst nach ausreichender Rotte wirkt es wie beschrieben.
Denselben Wert für Topf und Gartenboden erwarten. Richtwerte aus dem klassischen Ackerbau lassen sich nicht eins zu eins auf Substrate mit hohem Torf- oder Kokosanteil übertragen.
Weitere Grundlagen zu Substraten mit aktivem Bodenleben findest du in der Kategorie Living Soil.
Häufige Fragen
Was ist der Unterschied zwischen organischer Substanz und Humus?
Organische Substanz ist der Oberbegriff für alles organische Material im Substrat – von frischen Wurzelresten über Mikroorganismen bis zu stark zersetztem Material. Humus bezeichnet den am weitesten abgebauten, dunklen und stabilen Anteil davon, der sich über Jahre kaum weiter verändert. Frischeres organisches Material liefert schneller Nährstoffe, Humus wirkt eher langfristig auf Struktur und Speicherfähigkeit.
Wie erkenne ich, ob mein Substrat genug organische Substanz enthält?
Sichere Laborwerte liefert nur eine Substratanalyse. Als grober Hinweis gilt: Ein Substrat mit ausreichend organischer Substanz fühlt sich locker und krümelig an, riecht erdig und hält nach dem Gießen spürbar länger Feuchtigkeit, ohne dauerhaft nass zu bleiben.
Verhält sich organische Substanz in Topfsubstraten genauso wie im Gartenboden?
Im Grundsatz ja, die Mechanismen sind identisch. Der Anteil ist in Topfsubstraten auf Torf- oder Kokosbasis aber meist viel höher als in mineralischem Gartenboden, und organisches Material baut sich in warmen, feuchten Töpfen tendenziell schneller ab. Deshalb sackt reine Torf- oder Kokoserde über eine Saison sichtbar zusammen.
Kann zu viel organische Substanz schaden?
Indirekt ja: Ein Substrat, das fast nur aus feinem, stark zersetztem organischem Material besteht, hält oft zu viel Wasser und zu wenig Luft. Grobe mineralische oder strukturgebende Zuschläge gleichen das aus. Frisches, unreifes organisches Material kann zudem Nährstoffe vorübergehend binden oder Pflanzen schädigen, siehe dazu den Artikel zu [Kompost](/wissen/kompost).
Was passiert mit organischer Substanz, wenn ich Substrat wiederverwende?
Ein Teil ist bereits zersetzt und als Humus stabil, ein anderer Teil ist im vorherigen Grow verbraucht worden. Wiederverwendetes Substrat profitiert deshalb meist von frischem Nachschub, etwa durch Kompost, Wurmhumus oder eine neue Mulchschicht, um die verbrauchten Anteile zu ersetzen.
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Quellen
- 1. Soils & Plant Nutrients NC State Extension – Extension Gardener HandbookFunktionen organischer Substanz für Nährstofffreisetzung, Kationenaustauschkapazität, Wasserhaltevermögen und Bodenstruktur; Zusammensetzung eines idealen Bodens (ca. 45 % mineralisch, 5 % organisch, 50 % Porenraum).
- Understanding Soil Health and Biota for Farms and Gardens (EM 9409) Oregon State University Extension ServiceOrganische Substanz als Grundlage für Nährstoffkreisläufe, Kationenaustauschkapazität und die Ernährung von Bodenmikroben; Unterscheidung von lebender, toter und humifizierter organischer Substanz.
- Soil Water Holding Capacity Mitigates Downside Risk and Volatility in US Rainfed Maize: Time to Invest in Soil Organic Matter? Williams, Hunter, Kammerer u. a. – PLOS ONE 11, 2016Organische Substanz trägt eigenständig – zusätzlich zum Tongehalt – zum Wasserhaltevermögen des Bodens bei und stabilisiert Erträge über Jahre mit unterschiedlicher Wasserverfügbarkeit.
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