Blattentwicklung bei Cannabis: Wie sich die Blattform verändert
Kurz erklärt
Cannabis-Blätter durchlaufen einen festen Entwicklungsverlauf: Auf die einfachen, ungeteilten Keimblätter folgen Blätter mit zunächst einem, dann drei, fünf und schließlich meist sieben bis neun Fiederblättchen. Gleichzeitig wechselt die Blattstellung am Stängel von gegenständig zu wechselständig, was oft mit dem Beginn der Blüte zusammenfällt. Richtung Blütenstand nimmt die Blättchenzahl wieder ab, bis nur noch einfache Blätter übrig bleiben. Licht und andere Umweltfaktoren verändern innerhalb dieses Musters vor allem Blattgröße und -dichte.
Inhalt(8 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Erstes echtes Blattpaar
- 1 Fiederblättchen je Blattgegenständig, direkt über den Keimblättern
- Maximale Blättchenzahl
- meist 7–9, in einer Studie bis 9–13abhängig von Genotyp; nimmt zur Blüte hin wieder ab
- Wechsel der Blattstellung
- von gegenständig zu wechselständigfällt in einer Studie mit dem Blühbeginn zusammen
- Blattgröße
- nimmt mit steigender Lichtintensität abRichtwert aus einer Studie zur Wachstumsphase
Der typische Verlauf: von einfachen zu vielfach gefiederten Blättern
Cannabis-Blätter folgen von der Keimung bis zur Blüte einem erkennbaren Muster, das in der Pflanzenphysiologie als Heteroblastie bezeichnet wird – die Veränderung der Blattform im Verlauf der Entwicklung einer einzelnen Pflanze. Die beiden Keimblätter sind oval und ungeteilt. Das erste echte Blattpaar darüber besteht meist aus je einem einzigen, gesägten Blättchen.
Mit jedem weiteren Blattpaar nimmt die Zahl der Fiederblättchen – der einzelnen, fingerartig angeordneten Teile eines zusammengesetzten Blatts – zu: von einem auf drei, dann auf fünf Blättchen. Eine Untersuchung an einer Cannabis-Sorte über den kompletten Lebenszyklus zeigt diesen Verlauf im Detail: Das erste Blattpaar hatte je ein Blättchen, das zweite drei, das dritte und vierte fünf, und ab dem sechsten bis zum dreizehnten Blattknoten erreichten die Blätter mit neun Blättchen ihr Maximum. Andere Untersuchungen an unterschiedlichen Sorten fanden für ausgewachsene Blätter an der Triebspitze teils bis zu elf oder dreizehn Blättchen – wie viele Blättchen maximal gebildet werden, unterscheidet sich also zwischen Genotypen.
Warum sich die Blattform überhaupt verändert
Heteroblastie ist keine Reaktion auf äußere Bedingungen, sondern ein genetisch gesteuertes Entwicklungsprogramm, das mit dem Alter des Sprosses zusammenhängt: Je weiter ein Blattknoten vom Keimling entfernt entsteht, desto komplexer ist das dort gebildete Blatt – bis zu einem sortenabhängigen Maximum. Diese Regel gilt unabhängig vom Kalenderdatum; sie beschreibt die Position im Bauplan der Pflanze, nicht die Woche seit der Keimung.
Mit der Zahl der Fiederblättchen wächst auch die Blattfläche, die Licht auffangen kann. Junge Blätter mit wenigen Blättchen leisten anteilig weniger Photosynthese als die späteren, größeren Blätter mit dem vollen Blättchensatz – ein Grund, warum sich das Wachstum eines Sämlings zunächst deutlich langsamer anfühlt als das einer etablierten Jungpflanze. Mehr zur allgemeinen Entwicklung des Stängels in dieser Zeit findest du im Artikel Stammentwicklung.
Blattstellung: von gegenständig zu wechselständig
Neben der Blättchenzahl verändert sich auch, wie die Blätter am Stängel angeordnet sind – die sogenannte Phyllotaxis. An den unteren Blattknoten stehen sich Cannabis-Blätter paarweise gegenüber (gegenständig, jedes Paar um 90 Grad gedreht zum vorherigen). Ab einem bestimmten Blattknoten wechselt die Anordnung zu wechselständig, bei der die Blätter einzeln und versetzt entlang des Stängels sitzen.
In der bereits erwähnten Untersuchung lag dieser Wechsel bei Knoten zwölf und fiel zeitlich mit dem Beginn der Blütenbildung zusammen. Die Blattstellung ist deshalb ein brauchbarer, wenn auch nicht absolut verlässlicher Anhaltspunkt dafür, dass eine photoperiodische Pflanze sich der Blüte nähert oder bereits in ihr steht – zusätzlich zu offensichtlicheren Anzeichen wie ersten Blütenansätzen. Wie der Internodienabstand sich zur gleichen Zeit verändert, beschreibt der gleichnamige Artikel.
Wie Umweltfaktoren die Blattentwicklung beeinflussen
Das Grundmuster aus zunehmender und wieder abnehmender Blättchenzahl ist weitgehend fest vorgegeben, seine Ausprägung im Detail reagiert aber auf die Anbaubedingungen. Eine Studie aus der Wachstumsphase zeigt, dass die Blattgröße mit steigender Lichtintensität linear abnimmt – ebenso wie die Internodienlänge. Unter kräftigem Licht bildet die Pflanze also kleinere, dichter stehende Blätter, unter schwachem Licht größere, weiter auseinanderliegende.
Dahinter steckt derselbe Mechanismus wie bei der Schattenvermeidung: Pflanzen erkennen über Lichtrezeptoren, wenn Licht schwach ist oder stark nach Rot verschoben, wie es im Schatten von Nachbarpflanzen typisch ist, und passen Blattgröße, Blattwinkel und Stängelstreckung entsprechend an. Für den Anbau bedeutet das: Auffällig große, weiche Blätter bei gleichzeitig langen Internodien sprechen eher für zu wenig Licht als für einen reinen Blattfehler – mehr dazu im Artikel Vergeilen.
Blattreduktion in Richtung Blütenstand
Zur Blüte hin kehrt sich der Trend um: Die Blättchenzahl nimmt von ihrem Maximum wieder ab, bis in unmittelbarer Nähe der Blütenstände nur noch einfache, einblättrige Blätter stehen. In der oben genannten Studie sank die Zahl der Blättchen ab einem bestimmten Blattknoten wieder von neun auf acht, dann sieben und immer weiter, bis am obersten untersuchten Blattknoten nur noch ein einzelnes Blättchen übrig war.
Der Grund liegt im veränderten Bauplan des Sprosses während der Blüte: Die üblichen Fahnenblätter werden durch kleinere, mit den Blüten verbundene Blätter ersetzt, die Teil der dicht gepackten Blütenstruktur sind. Diese Verkleinerung ist ein normaler Teil der Blütenentwicklung und kein Anzeichen von Mangel oder Stress. Wie sich Blätter in der Blüte darüber hinaus verändern, etwa durch Alterung und Gelbfärbung an der Triebbasis, behandelt der Artikel Blattalterung in der Blüte.
Typische Fehler und Fehldeutungen
Ein einblättriges erstes Blattpaar als Fehlentwicklung werten. Das ist der normale Start der Blattentwicklung, kein Anzeichen für einen schwachen oder kranken Sämling.
Die Blättchenzahl mit der Pflanzengesundheit gleichsetzen. Wie viele Blättchen ein Blatt maximal bildet, hängt stark von der Sorte ab. Ein Vergleich mit fremden Pflanzen anderer Genetik führt leicht zu falschen Schlüssen.
Kleinere Blätter zur Blüte hin als Mangelsymptom deuten. Die Verkleinerung und Reduktion der Blättchenzahl nahe den Blütenständen ist ein normaler Teil der Umstellung auf Blüte, keine Nährstoff- oder Lichtstörung.
Große, weiche Blätter ausschließlich der Sorte zuschreiben. Oft steckt schlicht zu wenig Lichtintensität dahinter, die sich mit einer PPFD-Messung leicht überprüfen lässt.
Den Wechsel der Blattstellung übersehen oder überinterpretieren. Der Übergang von gegenständiger zu wechselständiger Anordnung ist ein hilfreicher Zusatzhinweis auf den Blühbeginn, aber kein alleiniger Beweis – er sollte zusammen mit anderen Anzeichen wie Vorblüten betrachtet werden.
Häufige Fragen
Warum haben junge Sämlinge nur ein Blättchen pro Blatt?
Das erste echte Blattpaar nach den Keimblättern besteht meist aus einem einzigen, ungeteilten Blättchen. Das ist der Beginn eines festen Entwicklungsmusters, bei dem die Blättchenzahl mit jedem weiteren Blattpaar zunimmt, bevor sie später in der Pflanze wieder abnimmt. Ein einblättriges erstes Blattpaar ist deshalb normal und kein Zeichen von Stress.
Ist es ein Problem, wenn meine Pflanze weniger Fiederblättchen hat als erwartet?
Nicht zwangsläufig. Wie viele Blättchen ein Blatt maximal bildet, unterscheidet sich zwischen Sorten, und auch Licht, Nährstoffversorgung und allgemeine Vitalität spielen eine Rolle. Entscheidender als eine einzelne Blattform ist der Verlauf: Wird die Blättchenzahl über mehrere Blattpaare hinweg tendenziell größer, entwickelt sich die Pflanze normal.
Was bedeutet es, wenn die Blätter plötzlich wieder einfacher werden?
Das ist meist ein normales Zeichen dafür, dass die Pflanze in Richtung Blüte übergeht oder sich bereits in der Blüte befindet. Nahe an den Blütenständen bildet Cannabis wieder kleinere Blätter mit weniger Blättchen, bis hin zu einfachen, ungeteilten Blättern direkt an den Blüten.
Kann ich am Blatt das Alter oder die Reife der Pflanze ablesen?
Grob ja. Die Blättchenzahl steigt von unten nach oben zunächst an, erreicht in der mittleren Wachstumsphase ihr Maximum und sinkt danach wieder. Zusammen mit der Blattstellung – gegenständig unten, wechselständig oben – ergibt sich daraus ein ungefährer Anhaltspunkt dafür, in welchem Entwicklungsabschnitt sich ein bestimmter Bereich der Pflanze befindet.
Verändert Training wie Topping die Blattentwicklung?
Direkt nicht: Das grundlegende Muster von zunehmender und wieder abnehmender Blättchenzahl bleibt erhalten. Nach einem Schnitt wachsen aus den freigelegten Knoten aber neue Triebe mit eigener Blattfolge, sodass an einer trainierten Pflanze gleichzeitig unterschiedlich weit entwickelte Blätter nebeneinander vorkommen können.
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Quellen
- Morphological Characterization of Cannabis sativa L. Throughout Its Complete Life Cycle Hesami, Pepe, Jones – Plants 12, 2023Dokumentiert Blättchenzahl und Blattstellung Knoten für Knoten über den gesamten Lebenszyklus, inklusive des Wechsels von gegenständig zu wechselständig.
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