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Bor bei Cannabis: Mangel erkennen und Überdosierung vermeiden

Von Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Bor ist ein Mikronährstoff, den Cannabis für die Zellwandbildung braucht: Es vernetzt Pektin in wachsendem Gewebe und wirkt deshalb vor allem an Triebspitzen, Neuaustrieb und Blüten. Mangel zeigt sich zuerst als verformter, gestauchter Neuaustrieb bis hin zum Absterben der Wachstumsspitze, meist ausgelöst durch einen zu hohen pH-Wert. Die Spanne zwischen Mangel und Überschuss ist bei vielen Pflanzen schmal, weshalb Bor nur gezielt und nach Diagnose nachgedüngt werden sollte.

Inhalt(7 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Hauptfunktion
Vernetzung von Pektin in der Zellwandwichtig für Zellteilung an Triebspitzen und für Pollenschläuche
Erste Anzeichen bei Mangel
verformter, gestauchter Neuaustriebdie Wachstumsspitze kann bei starkem Mangel absterben
Erste Anzeichen bei Überschuss
gelbe Ränder an unteren, älteren BlätternBor sammelt sich über den Transpirationsstrom dort an
pH-Einfluss
Verfügbarkeit sinkt bei hohem pHähnlich wie bei Eisen, Mangan, Zink und Kupfer
Sicherheitsspanne
bei vielen Kulturen schmalCannabis zeigte sich in einer Studie toleranter gegenüber Bor-Überschuss als Erdbeeren

Wofür Cannabis Bor braucht

Bor ist ein Mikronährstoff: Die Pflanze braucht nur sehr wenig davon, aber ohne ihn funktioniert der Aufbau der Zellwand nicht richtig. Bor verbindet zwei Moleküle eines bestimmten Pektins, Rhamnogalacturonan II, über eine Boratester-Brücke zu einem Dimer. Dieses Dimer bildet in der Zellwand ein dreidimensionales Netzwerk, das der Wand Stabilität gibt und für normales Wachstum notwendig ist.

Weil dieses Netzwerk vor allem dort gebraucht wird, wo sich Zellen neu bilden und teilen, wirkt sich Bormangel zuerst an Triebspitzen, jungen Blättern und Pollenschläuchen aus. In der Pflanze lässt sich Bor kaum aus altem Gewebe in neues umlagern; Fachliteratur zur Nährstoffverteilung ordnet es deshalb den eher immobilen Nährstoffen zu, auch wenn die Beweglichkeit im Detail zwischen den Mikronährstoffen schwankt.

Woran sich Bormangel zeigt

Bormangel beginnt am Neuaustrieb, nicht an alten Blättern. In einem Gefäßversuch mit Cannabis-Pflanzen ohne Bor-Zufuhr zeigte sich zunächst leicht gestauchtes Wachstum; die jüngsten Blätter waren kleiner und an der Blattbasis schmaler als gewohnt. Mit der Zeit verstärkte sich die Verformung: Neue Blätter wurden sichtbar verdreht und geknickt, die Blattränder wurden nekrotisch, und in fortgeschrittenen Fällen starb die Wachstumsspitze selbst ab.

Stirbt die Haupttriebspitze ab, bildet die Pflanze häufig mehrere Seitentriebe aus dem verbliebenen Gewebe – ein Versuch, den Verlust auszugleichen. Hält der Mangel an, sterben auch diese Seitentriebe, und die Blütenentwicklung stoppt. In der genannten Studie war das Blattgewebe zum Zeitpunkt der ersten sichtbaren Symptome bereits stark abgereichert, mit einem Borgehalt von nur wenigen Prozent des Werts gut versorgter Kontrollpflanzen. Erste Symptome traten schon nach sechs bis sieben Wochen ohne Bor-Zufuhr auf, vergleichsweise früh im Vergleich zu manchen anderen Mikronährstoffen.

Wenn zu viel Bor zum Problem wird

Ein Bor-Überschuss ist keine theoretische Randnotiz, sondern in der Praxis mindestens so relevant wie ein Mangel. Weil Bor über den Transpirationsstrom mit dem Wasser in die Blätter transportiert wird und sich dort anreichert, ohne dass die Pflanze überschüssiges Bor aktiv wieder ausscheiden kann, macht sich zu viel Bor zuerst an älteren, unteren Blättern bemerkbar – genau umgekehrt zum Mangel.

Im selben Cannabis-Versuch zeigte sich Bor-Überschuss zunächst als gelbliche Randverfärbung älterer Blätter, die sich zur Blattmitte hin ausbreitete und in fortgeschrittenen Stadien zu braunen, abgestorbenen Blatträndern führte. Bemerkenswert: Die Pflanzen vertrugen dabei das Zehnfache der normalen Bor-Konzentration, bevor Symptome auftraten – ein deutlich höherer Wert als bei manchen anderen Kulturen wie Erdbeeren, bei denen bereits geringere Konzentrationen toxisch wirken. Das zeigt zwar eine gewisse Toleranz, ändert aber nichts daran, dass die Spanne zwischen ausreichender und schädlicher Bor-Versorgung bei vielen Pflanzen grundsätzlich schmal ist.

Warum die Borversorgung aus dem Gleichgewicht gerät

Der häufigste Grund für Bormangel ist nicht ein fehlender Dünger, sondern ein zu hoher pH-Wert im Wurzelraum: Bor verliert wie Eisen, Mangan, Zink und Kupfer bei steigendem pH an Löslichkeit und wird für die Wurzeln schwerer erreichbar. Umgekehrt steigt bei zu niedrigem pH die Aufnahme so stark, dass sie in Richtung Überschuss kippen kann. Grundlagen dazu stehen im Artikel pH und Nährstoffverfügbarkeit.

Weitere Auslöser für einen echten Mangel sind sehr borarmes Gießwasser in Kombination mit einem Substrat ohne Nährstoffreserve, etwa reinem Coco oder Steinwolle ohne regelmäßige Nachdüngung, sowie stark ausgewaschene Substrate bei sehr häufigem Gießen mit großer Ablaufmenge. Ein Überschuss entsteht dagegen meist durch zusätzliche, unnötige Bor-Präparate obendrauf auf einen bereits vollständigen Dünger, durch stark borhaltiges Ausgangswasser in manchen Regionen oder durch zu enge Dosierung an der oberen Grenze des Zielbereichs über einen längeren Zeitraum.

Typische Fehler und Verwechslungen

Ein häufiger Irrtum ist, jeden verformten oder verdrehten Neuaustrieb reflexartig als Bormangel zu deuten. Verformte junge Blätter entstehen auch durch Schädlinge wie Spinnmilben oder Thripse, durch mechanischen Stress oder durch andere immobile Mangelerscheinungen; eine genaue Kontrolle der Blattunterseiten auf Schädlinge gehört deshalb immer zur Diagnose dazu, bevor Bor nachgedüngt wird.

Ebenso verbreitet ist es, Bor „prophylaktisch“ zusätzlich zu einem bereits vollständigen Dünger zu geben, weil ein Mangel besonders dramatisch aussieht. Da die Sicherheitsspanne schmal ist und die Pflanze überschüssiges Bor kaum ausscheiden kann, erhöht das eher das Risiko einer Überdosierung, als dass es nützt. Ein dritter Fehler ist, Randvergilbungen an unteren, älteren Blättern automatisch als Stickstoff- oder Kaliummangel abzutun, obwohl sie ebenso gut ein Bor-Überschuss sein können – hier hilft der Blick auf die betroffene Blattposition und, falls möglich, auf den pH-Wert der Nährlösung. Einen Überblick über weitere Mikronährstoffe bietet die Kategorie Mikronährstoffe.

Häufige Fragen

Wie unterscheide ich Bormangel von Calciummangel?

Beide zeigen sich zuerst am Neuaustrieb, weil beide Nährstoffe kaum aus alten Blättern abgezogen werden können. Bormangel führt eher zu verdrehten, geknickten jungen Blättern und im Extremfall zum Absterben der Wachstumsspitze, während Calciummangel oft mit brüchigen Stängeln und punktuellen Flecken einhergeht. Ohne Messung von pH und EC lassen sich beide am Blattbild allein nicht sicher trennen.

Kann zu viel Bor der Pflanze mehr schaden als zu wenig?

Ja, ein Überschuss ist praktisch mindestens so problematisch. Bor wird nur in sehr geringer Menge gebraucht, aber über den Transpirationsstrom in die Blätter transportiert und dort angereichert, ohne dass die Pflanze überschüssiges Bor aktiv ausscheiden kann. Deshalb zeigen sich Vergiftungssymptome oft schon bei Konzentrationen, die nur wenig über dem Bedarf liegen.

Ist Bor in normalen Komplettdüngern für die Blüte schon enthalten?

In der Regel ja, ausgewogene Mineral- und viele organische Komplettdünger enthalten bereits Bor in bedarfsgerechter Menge. Eine gezielte Zusatzdüngung ist deshalb nur sinnvoll, wenn eine Mangeldiagnose vorliegt oder bekanntermaßen borarmes Wasser beziehungsweise Substrat verwendet wird, nicht vorsorglich.

Wie schnell zeigt sich Bormangel bei Cannabis?

In einem Gefäßversuch mit vollständigem Borentzug traten erste sichtbare Symptome nach etwa sechs bis sieben Wochen auf, deutlich früher als bei einigen anderen Mikronährstoffen. Das liegt daran, dass Bor kaum gespeichert und laufend für neues Wachstum gebraucht wird, sodass sich ein Engpass rasch am Neuaustrieb bemerkbar macht.

Wirkt sich Bormangel auf die Blütenbildung aus?

Ja, weil Bor besonders für wachsendes und sich teilendes Gewebe wichtig ist. Stirbt die Wachstumsspitze durch anhaltenden Mangel ab, bildet die Pflanze zwar oft Seitentriebe, die bei fortbestehendem Mangel aber ebenfalls absterben können – in der Folge stoppt die Blütenentwicklung.

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Quellen

  1. Rhamnogalacturonan II: structure and function of a borate cross-linked cell wall pectic polysaccharide O'Neill, Ishii, Albersheim, Darvill – Annual Review of Plant Biology 55, 2004Bor vernetzt das Pektin Rhamnogalacturonan II über Boratester zu einem Dimer; dieses Netzwerk ist für normales Pflanzenwachstum nötig, verminderte Vernetzung erklärt viele Symptome des Bormangels.
  2. Characterization of Nutrient Disorders of Cannabis sativa Cockson, Landis, Smith, Hicks, Whipker – Applied Sciences 9, 2019Cannabis-Gefäßversuch: Bormangel zeigte sich als gestauchter, verdrehter Neuaustrieb bis zum Absterben der Triebspitze; Bor-Überschuss (zehnfache Dosis) als Randvergilbung älterer Blätter, wobei Cannabis toleranter reagierte als Erdbeeren.
  3. Boron (B) and Chlorine (Cl) for Citrus Trees Zekri, Obreza – University of Florida IFAS Extension, SL406/SS619, 2014Allgemeine Beschreibung von Bormangel (Absterben der Wachstumsspitze, brüchige, verdickte Blätter) und Bor-Überschuss (Randnekrosen), mit Hinweis auf die schmale Spanne zwischen Mangel und Toxizität.
  4. Micronutrients in Mississippi Soils and Plant Nutrition Oldham, Jones – Mississippi State University Extension Service, P3726, 2021Bor, Zink, Kupfer, Mangan und Eisen verlieren bei steigendem pH an Verfügbarkeit; bei zu niedrigem pH werden sie dagegen im Übermaß aufgenommen.

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