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Lichtgewöhnung: Warum Cannabis Zeit braucht, um sich an mehr Licht anzupassen

Von Aktualisiert am 3 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Lichtgewöhnung bezeichnet die schrittweise Anpassung einer Pflanze an eine höhere Lichtintensität, etwa beim Übergang von Sämlings- zu Wachstumslicht, nach einem Lampenwechsel oder wenn Stecklinge unter volles Licht kommen. Blätter passen ihre Photosyntheseleistung nur über Tage bis Wochen an; wird die Intensität zu schnell erhöht, kann mehr Licht ankommen, als die Pflanze verarbeiten kann – sichtbar an aufgehellten oder verbrannt wirkenden Blattbereichen. Eine Steigerung über mehrere Tage in kleinen Schritten verhindert das.

Inhalt(7 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Grund für Lichtgewöhnung
Photosyntheseapparat passt sich erst über Tage bis Wochen an
Typische Anlässe
Sämling zu Wachstumslicht, neue/stärkere Lampe, Steckling zu Vollicht
Warnsignal bei zu schnellem Schritt
aufgehellte, weiß-graue oder verkrüppelte Blattbereiche
Praktisches Vorgehen
Intensität über mehrere Tage in kleinen Stufen erhöhen

Warum Pflanzen Zeit brauchen, um sich an Licht zu gewöhnen

Blätter stellen ihre Photosynthese auf das Licht ein, unter dem sie wachsen. Trifft plötzlich deutlich mehr Licht auf ein Blatt, als es verarbeiten oder unschädlich ableiten kann, wird ein zentraler Baustein der Photosynthese, das Photosystem II, schneller beschädigt, als die Pflanze ihn reparieren kann. Fachleute nennen das Photoinhibition. Im sichtbaren Extremfall bleicht Blattgewebe aus oder wirkt papierartig trocken – ein Schaden, der sich nicht mehr zurückbildet.

Lichtgewöhnung bedeutet deshalb, die Lichtintensität schrittweise statt sprunghaft zu erhöhen, damit sich der Photosyntheseapparat mithalten kann. Das betrifft nicht nur den Umzug ins Freie, sondern jede deutliche Steigerung der Lichtmenge drinnen: den Übergang vom Sämlings- zum Wachstumslicht, das Aufhängen einer neuen oder stärkeren Lampe näher an der Pflanze, oder den Umzug eines Stecklings vom schwach beleuchteten Vermehrungsbereich ins volle Wachstumslicht.

Was sich beim Anpassen an neues Licht verändert

Die Anpassung an mehr Licht ist keine Frage von Stunden, sondern von Tagen bis Wochen. In einem Versuch mit Weißem Gänsefuß steigerten bereits ausgewachsene Schattenblätter nach dem Wechsel ins Starklicht zwar ihre Photosyntheseleistung, erreichten aber nicht das Niveau von Blättern, die von Anfang an im Starklicht gewachsen waren. Voll angepasst sind demnach vor allem neue Blätter, die sich bereits unter den helleren Bedingungen bilden.

Cannabis gilt dabei im Vergleich als recht lichttolerant. In einer kanadischen Studie stieg der Ertrag von Cannabis mit zunehmender Lichtmenge weiter an, und die Photosynthese passte sich über mehrere Wochen an die höhere Intensität an. Diese Toleranz gilt jedoch vor allem für bereits angepasste Pflanzen – der Weg dorthin läuft über dieselbe schrittweise Anpassung wie bei anderen Arten auch, nicht über einen plötzlichen Sprung auf die Zielintensität.

So gewöhnst du Pflanzen richtig an mehr Licht

  1. Zielintensität kennen. Für Sämlinge gelten etwa 100 bis 300 µmol/m²/s als Richtwert, für die anschließende Wachstumsphase etwa 300 bis 600 µmol/m²/s – abhängig vom Setup und Entwicklungsstand, wie der Artikel Lichtintensität für Sämlinge beschreibt.

  2. In kleinen Schritten steigern. Erhöhe die Intensität über mehrere Tage, statt sie auf einen Schlag zu verdoppeln – etwa durch Absenken der Lampe in mehreren Stufen oder schrittweises Hochdimmen. Wie der passende Abstand zur Pflanze aussieht, erklärt der Artikel Abstand zur Pflanze.

  3. Reaktion der obersten Blätter beobachten. Bleiben sie sattgrün und straff, kannst du den nächsten Schritt gehen. Hellen sie auf oder rollen sich die Ränder, war der Sprung zu groß – einen Schritt zurückgehen und langsamer weitermachen.

  4. Besonders vorsichtig bei frisch umgetopften oder gestressten Pflanzen sein. Wurzelstress oder ein frischer Umzug verringern die Kapazität, zusätzlichen Lichtstress gleichzeitig zu verarbeiten.

Wann Lichtgewöhnung besonders wichtig ist

Nicht jede Situation birgt das gleiche Risiko. Die folgende Übersicht zeigt typische Anlässe.

Situation

Risiko bei zu schnellem Wechsel

Empfehlung

Sämling zieht ins Wachstumslicht um

hoch, Blätter sind an schwaches Licht gewöhnt

über mehrere Tage in Stufen erhöhen

neue oder stärkere Lampe wird installiert

hoch, besonders bei deutlich höherer Leistung

zunächst mit größerem Abstand betreiben, dann annähern

Steckling wechselt vom Vermehrungs- ins Wachstumslicht

mittel bis hoch, je nach Ausgangsintensität

schrittweise, siehe auch Klima für Stecklinge

nach starkem Entlauben oder Topping

mittel, untere Blätter waren zuvor beschattet

betroffene Bereiche notfalls kurz abschatten

kontinuierlicher Betrieb ohne große Sprünge

gering

normale schrittweise Steigerung im Wachstumsverlauf reicht

Der Umzug ganzer Pflanzen nach draußen bringt neben mehr Licht zusätzlich Wind, UV-Strahlung, trockenere Luft und kühlere Nächte mit sich. Wie du diesen umfassenderen Übergang gestaltest, beschreibt der Artikel Jungpflanzen für Outdoor akklimatisieren.

Typische Fehler und Fehldeutungen

  • Aus Vorsicht dauerhaft zu wenig Licht geben. Wer die Lichtgewöhnung als Grund nimmt, die Intensität nie zu erhöhen, bremst das Wachstum unnötig und riskiert stattdessen Vergeilen durch Lichtmangel.

  • Lampe direkt auf volle Leistung stellen. Eine neue, stärkere Lampe sollte zunächst mit größerem Abstand oder gedimmt laufen, auch wenn die technischen Daten mehr hergeben.

  • Aufhellungen durch Photoinhibition mit Nährstoffmangel verwechseln. Lichtschäden treten zuerst und am stärksten an den obersten, am hellsten beleuchteten Blättern auf, Nährstoffprobleme meist nach einem anderen Muster nach Blattalter.

  • Bereits geschädigtes Gewebe für reparabel halten. Ausgeblichene Blattbereiche erholen sich nicht; die Pflanze gleicht den Schaden über neue, besser angepasste Blätter aus.

  • Alle Pflanzenteile gleich behandeln. Nach starkem Schnitt sind zuvor beschattete untere Blätter empfindlicher als das etablierte obere Blätterdach und brauchen eigene Rücksicht.

Häufige Fragen

Woran erkenne ich, dass ich das Licht zu schnell erhöht habe?

Typisch sind aufgehellte, weißliche oder papierartig trockene Bereiche auf den obersten, am stärksten beleuchteten Blättern, während tiefer hängende Blätter unauffällig bleiben. Das betroffene Gewebe erholt sich nicht mehr; die Pflanze gleicht das über neue, bereits angepasste Blätter aus.

Wie schnell darf ich die Lichtintensität steigern?

Eine verbreitete Praxis ist, die Intensität über mehrere Tage bis etwa eine Woche in kleinen Schritten anzuheben und dabei die obersten Blätter zu beobachten. Eigene Studien, die eine optimale Schrittgröße für Cannabis festlegen, gibt es nicht; die Beobachtung der Pflanze bleibt deshalb der verlässlichste Anhaltspunkt.

Brauchen auch Stecklinge und Mutterpflanzen Lichtgewöhnung?

Ja. Frisch bewurzelte Stecklinge stehen meist unter schwächerem Licht als etablierte Pflanzen und sollten beim Umzug ins Wachstumslicht ebenso schrittweise gewöhnt werden. Auch Mutterpflanzen, die längere Zeit unter reduziertem Licht standen, vertragen einen plötzlichen Wechsel auf hohe Intensität schlechter als eine, die kontinuierlich unter kräftigem Licht stand.

Ist Lichtgewöhnung dasselbe wie das Abhärten für draußen?

Nein, beides überschneidet sich, ist aber nicht identisch. Lichtgewöhnung betrifft speziell die Anpassung an mehr Lichtintensität, während das Abhärten für den Umzug nach draußen zusätzlich Wind, UV-Strahlung, trockenere Luft und kühlere Nächte einschließt. Mehr dazu im Artikel zum Akklimatisieren von Jungpflanzen für Outdoor.

Verträgt Cannabis grundsätzlich viel Licht?

Im Vergleich zu vielen anderen Kulturpflanzen gilt Cannabis als recht lichttolerant, und Studien zeigen weiter steigenden Ertrag auch bei sehr hohen Intensitäten. Diese Toleranz gilt aber vor allem für bereits angepasste Blätter; der Umstieg dahin muss trotzdem schrittweise erfolgen, damit die Photosynthese mithalten kann.

Muss ich nach dem Topping oder Entlauben erneut ans Licht gewöhnen?

Teilweise ja. Wenn durch Schnittmaßnahmen plötzlich mehr Licht auf zuvor beschattete, untere Blätter trifft, sind diese Blätter an die neue Lichtmenge nicht angepasst und können empfindlicher reagieren als das obere Blätterdach. Ein schrittweiser Übergang oder vorübergehender Schatten für stark betroffene Bereiche kann hier sinnvoll sein.

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Quellen

  1. Photoprotection in plants: a new light on photosystem II damage Takahashi, Badger – Trends in Plant Science 16, 2011Übersicht: Zu viel Licht schädigt das Photosystem II schneller, als die Pflanze es reparieren kann (Photoinhibition), wenn die Anpassung nicht mithält.
  2. Does the photosynthetic light-acclimation need change in leaf anatomy? Oguchi, Hikosaka, Hirose – Plant, Cell & Environment 26, 2003Bereits ausgewachsene Schattenblätter steigerten nach dem Wechsel ins Starklicht ihre Photosyntheseleistung, erreichten aber nicht das Niveau von Blättern, die im Starklicht herangewachsen waren.
  3. Cannabis Yield, Potency, and Leaf Photosynthesis Respond Differently to Increasing Light Levels in an Indoor Environment Rodriguez-Morrison, Llewellyn, Zheng – Frontiers in Plant Science 12, 2021Cannabis-Laub verträgt auch Lichtstärken über dem gewohnten Niveau; die Photosynthese passte sich über mehrere Wochen an, der Ertrag stieg mit der Lichtmenge weiter an.
  4. Light intensity can be used to modify the growth and morphological characteristics of cannabis during the vegetative stage of indoor production Moher, Llewellyn, Jones, Zheng – Industrial Crops and Products 183, 2022Belegt den Zusammenhang zwischen Lichtintensität und Wachstumsreaktion von Cannabis in der Wachstumsphase, der die Grundlage für die empfohlenen Steigerungsstufen bildet.

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