Klima für Stecklinge: Welche Luftfeuchtigkeit, Temperatur und welches Licht brauchen sie?
Kurz erklärt
Unbewurzelte Stecklinge nehmen Wasser nur über die Schnittstelle auf und brauchen deshalb anfangs sehr feuchte Luft: In Studien begann die Bewurzelung bei rund 90 bis 95 % relativer Luftfeuchtigkeit, die ab etwa dem fünften Tag schrittweise auf 60 bis 70 % sank. Die Temperatur sollte bei etwa 22 bis 26 °C liegen. Das Licht bleibt mäßig, etwa 50 bis 200 µmol/m²/s bei 16 bis 18 Stunden; mehr Licht fördert die Wurzelmasse nur, solange die Stecklinge nicht welken.
Inhalt(8 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Luftfeuchtigkeit in den ersten Tagen
- ca. 90–95 % rFGuelph-Studie: 95 % an Tag 0–4
- Luftfeuchtigkeit ab etwa Tag 5
- schrittweise auf ca. 60–70 % rFGuelph-Protokoll: 80 % an Tag 5–8, 60 % an Tag 9–12
- Lufttemperatur
- ca. 22–26 °CStudien: 24 °C konstant bzw. 22/20 °C Tag/Nacht
- Lichtintensität
- ca. 50–200 µmol/m²/sRichtwert; 50–250 µmol/m²/s veränderten die Bewurzelungsrate in einer Studie nicht
- Beleuchtungsdauer
- 16–18 Stunden
- VPD in der ersten Woche
- ca. 0,15–0,6 kPaberechnet für 24 °C bei 95 bzw. 80 % rF
Warum Stecklinge ein eigenes Klima brauchen
Ein Steckling hat keine Wurzeln, verliert aber über seine Blätter ständig Wasser. Nachschub kommt nur über die Schnittfläche. Verdunstet mehr, als nachfließt, welkt der Steckling und schließt seine Spaltöffnungen – dann fehlen ihm genau die Zucker aus der Photosynthese, die er für die Wurzelbildung braucht. Das Klima im Propagator hat deshalb eine Aufgabe: die Verdunstung so weit bremsen, dass die Blätter arbeiten können, ohne auszutrocknen.
Die entscheidende Größe dafür ist das Dampfdruckdefizit (VPD) – vereinfacht gesagt, wie stark die Luft Wasser aus dem Blatt „zieht“. Hohe Luftfeuchtigkeit bei moderater Temperatur ergibt ein niedriges VPD. Eine Übersichtsarbeit zur Bewurzelung von Stecklingen betont, dass Licht und Wasserversorgung aufeinander abgestimmt sein müssen: Licht liefert Energie für die Wurzeln, erhöht aber auch den Wasserbedarf. Die Grundlagen erklärt der Artikel VPD verstehen.
Luftfeuchtigkeit: hoch starten, dann senken
Am besten dokumentiert ist das Klimaprotokoll einer Studie der University of Guelph. Die Stecklinge standen bei konstant 24 °C und 18 Stunden Licht; Luftfeuchtigkeit und Licht wurden in Stufen angepasst:
Tage nach dem Stecken | Relative Luftfeuchtigkeit | VPD (berechnet, 24 °C) | Lichtintensität |
|---|---|---|---|
0–4 | 95 % | ca. 0,15 kPa | 50 µmol/m²/s |
5–8 | 80 % | ca. 0,6 kPa | 80 µmol/m²/s |
9–12 | 60 % | ca. 1,2 kPa | 115 µmol/m²/s |
Nach 12 Tagen hatte mehr als die Hälfte der Stecklinge sichtbare Wurzeln. Eine niederländische Arbeitsgruppe ging ähnlich vor: Die Bewurzelungsschalen hatten transparente Hauben, deren Lüftungsschieber bis Tag 6 geschlossen blieben; an Tag 14 kamen die Hauben ganz ab.
Zu niedrige Luftfeuchtigkeit erkennst du daran, dass die Blätter dauerhaft schlaff hängen. Die Guelph-Forscher vermuteten, dass bei weniger stabiler Luftfeuchtigkeit Stecklinge mit weniger Blättern besser abschneiden. Wenn du die Feuchte nicht halten kannst, hilft also eine Haube oder ein ganzes entferntes Blatt.
Zu hohe Luftfeuchtigkeit ist das umgekehrte Problem: Stehen Blätter und Stängel tagelang nass und das Substrat ist durchweicht, fault die Basis leichter. Fusarium, ein typischer Erreger von Stängel- und Wurzelfäule, bildete in Untersuchungen unter hoher Luftfeuchtigkeit massenhaft Sporen und verursachte Ausfälle in Bewurzelungsräumen. Das Substrat soll feucht, aber nie nass sein.
Temperatur: warm, aber nicht heiß
In den Cannabis-Studien lag die Lufttemperatur bei 24 °C beziehungsweise 22 °C am Tag und 20 °C in der Nacht. Als Richtwert gelten etwa 22 bis 26 °C. Für das Bewurzelungsmedium nennt die Penn State Extension allgemein 75 bis 80 °F, also etwa 24 bis 27 °C.
Mehr Wärme ist nicht automatisch besser. Stecklinge zehren von ihren Zuckerreserven, und wie schnell diese schwinden, hängt auch von der Temperatur ab. Bei schwachem Licht kann eine etwas kühlere Luft deshalb sogar günstiger sein, wie Versuche mit Pelargonien zeigten; für Cannabis ist das nicht gezielt untersucht. Kritisch sind vor allem geschlossene Hauben nahe einer Lampe oder auf einer Heizmatte: Darunter wird es schnell deutlich wärmer als im Raum. Miss deshalb unter der Haube und im Substrat, nicht nur an der Zimmerwand.
Licht: mäßig starten, langsam steigern
Stecklinge brauchen weniger Licht als wachsende Pflanzen. Das Guelph-Protokoll startete mit 50 µmol/m²/s und endete bei 115 µmol/m²/s PPFD (die Zahl der Lichtteilchen im photosynthetisch nutzbaren Bereich, die pro Sekunde auf einen Quadratmeter treffen). In der niederländischen Studie veränderten 50, 150 oder 250 µmol/m²/s den Anteil bewurzelter Stecklinge nicht; bei mehr Licht wuchsen aber mehr Wurzel- und Sprossmasse. Wie du PPFD misst und einordnest, erklärt der Artikel PPFD.
Daraus folgt eine einfache Regel: mäßig beginnen und die Intensität steigern, sobald die Stecklinge straff stehen und erste Wurzeln zeigen. Bei 100 µmol/m²/s und 18 Stunden entspricht das einem Tageslichtintegral (DLI) von etwa 6,5 mol/m²/Tag, bei 200 µmol/m²/s und 16 Stunden etwa 11,5 mol/m²/Tag. Direkte Sonne ist ungeeignet, weil sie die Blätter aufheizt.
Das Spektrum spielt eine Nebenrolle. In einer Studie mit verschiedenen LED-Spektren und Leuchtstoffröhren bei 200 µmol/m²/s und 16 Stunden Licht bewurzelten gleich viele Stecklinge; blaubetonte Spektren verbesserten lediglich die Wurzelbewertung leicht.
Diagnose: Was dir die Stecklinge über das Klima verraten
Beobachtung | Wahrscheinliche Ursache | Was du tun kannst |
|---|---|---|
Blätter hängen über Stunden schlaff | Luft zu trocken, zu viel Licht oder Wärme | Haube schließen, Feuchte erhöhen, Licht dimmen |
Kondenswasser, dauernd nasse Blätter | kaum Luftaustausch | Lüftungsschieber öffnen, Kondensat abwischen |
Stängelbasis dunkel und weich | zu nass, Fäulniserreger | befallene Stecklinge entfernen, Substrat nur feucht halten |
Stecklinge straff, aber nach drei Wochen ohne Wurzeln | Temperatur zu niedrig, Licht zu schwach, langsame Sorte | Substrattemperatur prüfen, Licht leicht steigern, Geduld |
Welche weiteren Ursachen hinter ausbleibenden Wurzeln stecken können, beschreibt der Artikel Fehlende Wurzelbildung.
Typische Fehler und Fehldeutungen
Haube nie lüften: Dauerhaft 100 % Luftfeuchtigkeit ohne Luftaustausch begünstigt Fäulnis. Ab etwa dem fünften Tag darf es schrittweise trockener werden.
Haube auf einmal abnehmen: Beide Studienprotokolle senkten die Feuchte in Stufen. Ein abrupter Wechsel lässt die Stecklinge welken.
Volles Licht für schnellere Wurzeln: Mehr Licht erhöhte in Studien die Wurzelmasse, nicht aber die Zahl bewurzelter Stecklinge – und nur, solange die Wasserbilanz stimmt.
Ständig sprühen: Im Guelph-Versuch wurden die Stecklinge nur einmal beim Einsetzen benebelt. Dauernd nasse Blätter bringen keinen Vorteil, erhöhen aber das Fäulnisrisiko.
Temperatur falsch messen: Entscheidend ist die Temperatur am Steckling und im Substrat, nicht im Raum.
Das Spektrum überbewerten: Eine teure Spezial-Lampe ersetzt kein stabiles Klima.
Weitere Grundlagen zum Schneiden und zur Auswahl der Triebe findest du im Artikel Stecklinge als vegetative Vermehrung.
Häufige Fragen
Wann nehme ich die Haube vom Propagator ab?
Schrittweise. In einer niederländischen Studie blieben die Lüftungsschieber bis Tag 6 geschlossen, die Haube kam an Tag 14 ab. Im Guelph-Protokoll sank die Luftfeuchtigkeit ab Tag 5 in zwei Stufen. Als Faustregel: ab etwa dem fünften Tag zunehmend lüften und die Haube ganz entfernen, wenn Wurzeln sichtbar sind und die Blätter auch ohne Haube straff bleiben.
Brauchen Stecklinge eine Heizmatte?
Nur wenn der Raum kühl ist. Für das Bewurzelungsmedium nennt die Penn State Extension etwa 24 bis 27 °C, die Lufttemperatur lag in Cannabis-Studien bei 22 bis 24 °C. Miss direkt im Substrat und unter der Haube, denn eine Matte kann das kleine Volumen schnell überhitzen.
Welche Lampe eignet sich für Stecklinge?
Das Spektrum ist zweitrangig: In einer Studie mit verschiedenen LED-Spektren und Leuchtstoffröhren bei 200 µmol/m²/s unterschied sich der Anteil bewurzelter Stecklinge nicht. Wichtiger ist, dass sich die Lampe auf etwa 50 bis 200 µmol/m²/s einstellen lässt und die Fläche gleichmäßig ausleuchtet.
Sollten Stecklinge rund um die Uhr Licht bekommen?
Das ist nicht nötig. Die zitierten Studien bewurzelten Stecklinge mit 16 oder 18 Stunden Licht pro Tag erfolgreich. Eine längere Beleuchtung erhöht vor allem Stromverbrauch und Wärme unter der Haube, ohne dass ein Vorteil für die Bewurzelung belegt wäre.
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Quellen
- Vegetative propagation of cannabis by stem cuttings: effects of leaf number, cutting position, rooting hormone, and leaf tip removal Caplan, Stemeroff, Dixon, Zheng – Canadian Journal of Plant Science 98, 2018Bewurzelungsklima der Studie: 24 °C, 18 h Licht, Luftfeuchtigkeit 95 → 80 → 60 %, Lichtintensität 50 → 80 → 115 µmol/m²/s über 12 Tage.
- Mother Plant Age and Light Intensity Minimally Alter Adventitious Root Formation in Medicinal Cannabis Holweg, Sae-Tang, Wang, Kohlen, Heuvelink, Marcelis – HortScience 60, 202550, 150 und 250 µmol/m²/s während der Bewurzelung: kein Einfluss auf den Anteil bewurzelter Stecklinge, aber mehr Wurzel- und Sprossmasse bei mehr Licht; Hauben-Management.
- Light Spectra Have Minimal Effects on Rooting and Vegetative Growth Responses of Clonal Cannabis Cuttings Moher, Llewellyn, Golem, Foley, Dinka, Jones, Zheng – HortScience 58, 2023Stecklinge bei 200 µmol/m²/s und 16 h Licht: verschiedene LED-Spektren und Leuchtstofflicht ohne Einfluss auf den Anteil bewurzelter Stecklinge.
- Molecular and physiological control of adventitious rooting in cuttings: phytohormone action meets resource allocation Druege, Hilo, Pérez-Pérez, Klopotek, Acosta, Shahinnia, Zerche, Franken – Annals of Botany 123, 2019Übersichtsarbeit: Licht und Kohlenhydratversorgung fördern die Wurzelbildung; Licht und Wasserversorgung müssen über das Dampfdruckdefizit abgestimmt werden.
- Pathogens and Molds Affecting Production and Quality of Cannabis sativa L. Punja, Collyer, Scott, Lung, Holmes, Sutton – Frontiers in Plant Science 10, 2019Fusarium bildete unter hoher Luftfeuchtigkeit massenhaft Sporen; über Nährlösung eingeschleppt, verursachte es Ausfälle im Bewurzelungsraum.
- Propagating Houseplants Concklin – Penn State Extension, 2026Grundregeln der Stecklingsvermehrung: helles, indirektes Licht, feuchtes, aber nicht nasses Medium, hohe Luftfeuchtigkeit, 75–80 °F im Medium.
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