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Umfallkrankheit bei Cannabis-Sämlingen: Ursachen erkennen und vorbeugen

Von Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Die Umfallkrankheit, auch Damping-off genannt, ist das Umknicken und Absterben junger Sämlinge durch bodenbürtige Erreger wie Pythium-, Fusarium- und Rhizoctonia-Arten. Typisch ist eine wässrig-braune, eingeschnürte Stelle direkt am Boden, an der der Stängel dünn wird und die Pflanze umfällt, oft bevor sie überhaupt richtig auflaufen konnte. Begünstigt wird sie durch kaltes, zu nasses, schlecht durchlüftetes Substrat. Vorbeugen hilft vor allem über sauberes Substrat, warme Keimtemperatur und einen zurückhaltenden Gießrhythmus.

Inhalt(7 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Häufigste Erreger
Pythium spp., Fusarium spp., Rhizoctonia solanimehrere Arten können gemeinsam auftreten
Typisches Schadbild
wässrig-braune Einschnürung am WurzelhalsStängel wird dünn und fadenartig, Sämling knickt um
Begünstigt durch
kaltes, staunasses, verdichtetes Substratsowie Aussaat zu tief in schwerem, feuchtem Substrat
Zeitfenster
vor und kurz nach dem AuflaufenSamen können bereits im Substrat verfaulen, bevor sie keimen
Vorbeugung
sauberes Substrat, warme Keimtemperatur, zurückhaltendes Gießenfür Cannabis sind keine Fungizide zugelassen

Die Umfallkrankheit erkennen: typisches Schadbild

Die Umfallkrankheit, im Englischen „Damping-off“ genannt, zeigt sich als plötzliches Umknicken junger Sämlinge, oft innerhalb weniger Stunden. Ursache ist eine wässrig-braune, eingeschnürte Stelle direkt am Wurzelhals – der Übergangszone zwischen Wurzel und Stängel, kurz über oder auf Höhe der Substratoberfläche. Das Gewebe wird an dieser Stelle dünn und fadenartig, kann das Gewicht des Sämlings nicht mehr tragen, und die Pflanze kippt um, obwohl die oberen Blätter zunächst noch grün wirken.

Nach Angaben der Pacific Northwest Pest Management Handbooks gibt es zwei Erscheinungsformen: Vorauflauf-Befall, bei dem Samen bereits im kalten, feuchten Substrat verfaulen und gar nicht erst sichtbar auflaufen, und Nachauflauf-Befall, bei dem bereits aufgelaufene Sämlinge die charakteristische Einschnürung am Wurzelhals entwickeln und umfallen. Manche Sämlinge überleben den ersten Befall auch gestaucht und wachsen deutlich langsamer weiter, statt sofort umzuknicken.

Verantwortlich sind mehrere bodenbürtige Erreger, die einzeln oder gemeinsam auftreten können: vor allem Arten der Gattung Pythium, dazu Fusarium oxysporum und weitere Fusarium-Arten sowie Rhizoctonia solani. Pythium- und die eng verwandte Globisporangium-Arten gehören zu den Oomyceten, einer Gruppe wasserliebender, pilzähnlicher Organismen; Fusarium und Rhizoctonia sind echte Pilze. Für Cannabis wurden Fusarium- und Pythium-Arten in einer Übersichtsarbeit ausdrücklich als Ursache von Umfallkrankheit und Wurzelhalsfäule bestätigt.

Warum gerade junge Sämlinge betroffen sind

Das Gewebe am Wurzelhals ist bei frisch gekeimten Sämlingen noch sehr weich, dünnwandig und kaum verholzt – ein leichtes Ziel für Erreger, die aktiv in pflanzliches Gewebe eindringen. Mit zunehmendem Alter verholzt diese Zone zunehmend und wird widerstandsfähiger, weshalb die Umfallkrankheit fast ausschließlich in den ersten ein bis zwei Wochen nach der Keimung auftritt. Ältere, kräftigere Pflanzen erkranken an denselben Erregern eher an Wurzeln oder Wurzelhals in Form von Wurzelfäule als am dünnen Sämlingsstängel.

Mehrere Bedingungen begünstigen den Befall gleichzeitig:

  • Kaltes Substrat. Bei niedrigen Temperaturen dauert die Keimung länger, wodurch Samen und junge Sämlinge länger den Erregern ausgesetzt sind, bevor sie sich etablieren können.

  • Dauerhaft nasses, verdichtetes Substrat. Schlecht durchlüftete, staunasse Anzuchterde begünstigt genau die feuchten Bedingungen, die Pythium und Rhizoctonia für Wachstum und Ausbreitung brauchen.

  • Zu tiefe Aussaat in schwerem Substrat. Je länger der Weg des Keimlings durch feuchtes Substrat, desto länger die Kontaktzeit mit möglichen Erregern.

  • Wiederverwendetes, unsauberes Substrat oder Anzuchtschalen. Erregersporen können in altem Substrat oder an nicht gereinigten Schalen und Werkzeugen über mehrere Kulturen hinweg überdauern.

  • Zu dichte Aussaat. Viele eng stehende Sämlinge in einer Schale halten die Luft um den Wurzelhals herum feuchter und fördern die Ausbreitung von einer befallenen zur nächsten Pflanze.

Auch unbewurzelte Stecklinge sind nicht automatisch geschützt: Ein dokumentierter Fall bei Cannabis-Stecklingen in feuchten Steinwollwürfeln zeigte innerhalb weniger Tage nach Kontakt mit Pythium myriotylum Stauchung, Umfallen und Chlorose – ein Hinweis darauf, dass dieselben Risikofaktoren auch außerhalb der klassischen Samenanzucht gelten.

Umfallkrankheit vorbeugen: die wichtigsten Stellschrauben

Weil für Cannabis aktuell keine chemischen Fungizide gegen diese Erreger zugelassen sind, liegt der Schwerpunkt vollständig auf Vorbeugung:

  1. Sauberes Anzuchtsubstrat verwenden. Frisches, für die Anzucht vorgesehenes Substrat senkt das Risiko deutlich gegenüber wiederverwendeter oder ungeprüfter Erde.

  2. Anzuchtschalen und Werkzeug reinigen. Eine Reinigung mit verdünnter Bleichlösung vor der Wiederverwendung entfernt anhaftende Erregersporen aus vorherigen Kulturen.

  3. Warme Keimtemperatur sicherstellen. Eine zügige Keimung bei ausreichend warmem Substrat verkürzt die Zeit, in der Samen und junge Sämlinge besonders anfällig sind.

  4. Zurückhaltend gießen. Das Substrat sollte feucht, aber nicht dauerhaft nass sein; überschüssiges Wasser sollte gut abfließen können. Mehr dazu im Artikel Gießen von Sämlingen.

  5. Für Luftbewegung sorgen. Ein leichter Luftzug über der Anzuchtschale und der Verzicht auf eine durchgehend geschlossene Haube nach dem Auflaufen senken die Luftfeuchtigkeit direkt am Wurzelhals.

  6. Nicht zu dicht säen. Ausreichend Abstand zwischen den Sämlingen verlangsamt eine Ausbreitung von einer befallenen zur nächsten Pflanze.

Welche Temperatur- und Feuchtebereiche für Sämlinge insgesamt sinnvoll sind, beschreibt der Artikel Temperatur für Sämlinge; wie Keimung biologisch abläuft und warum sie zügig verlaufen sollte, erklärt Keimprozess biologisch verstehen.

Biologische Gegenspieler: vielversprechend, aber kein Ersatz für saubere Kultur

In einem Versuch mit Cannabis-Stecklingen und -Pflanzen reduzierten bestimmte biologische Präparate auf Basis von Bacillus- und Trichoderma-Arten die Befallsschwere durch Fusarium oxysporum und Pythium myriotylum im Vergleich zu unbehandelten Kontrollen deutlich, teils weil sie sich vorbeugend im Pflanzengewebe ansiedeln, bevor der Erreger dazukommt. Diese Forschung zeigt, dass biologische Kontrolle grundsätzlich wirksam sein kann, wo chemische Fungizide fehlen.

Für den privaten Eigenanbau lässt sich daraus aber keine pauschale Empfehlung für ein bestimmtes Produkt ableiten: Viele der geprüften Präparate sind kommerzielle Pflanzenschutzmittel, deren Verfügbarkeit und Zulassung je nach Land unterschiedlich ist. Saubere Anzuchtbedingungen, passendes Klima und ein zurückhaltender Gießrhythmus bleiben deshalb die verlässlichste und am einfachsten umsetzbare Grundlage.

Typische Fehler und Verwechslungen

  • Umgeknickte Sämlinge mit Lichtmangel verwechseln. Vergeilte, gestreckte Sämlinge neigen sich zwar zur Lichtquelle, brechen aber nicht am Wurzelhals ab; eine wässrig-braune Einschnürung an der Basis spricht eindeutig für die Umfallkrankheit.

  • Nach dem Umfallen weiter normal gießen. Bleibt das Substrat weiterhin dauerhaft nass, begünstigt das die Ausbreitung auf benachbarte, noch gesunde Sämlinge in derselben Schale.

  • Alte, wiederverwendete Anzuchterde als unbedenklich einstufen. Erregersporen können in gebrauchtem Substrat über mehrere Kulturen hinweg überdauern, auch wenn frühere Sämlinge dort unauffällig wuchsen.

  • Eine Rettung des umgeknickten Sämlings versuchen. Das Gewebe am Wurzelhals ist an der betroffenen Stelle bereits zerstört; die Energie ist besser in den Schutz der übrigen Sämlinge investiert.

  • Zu lange abdecken. Eine dauerhaft geschlossene Anzuchthaube hält zwar die Luftfeuchtigkeit hoch, staut aber auch Feuchtigkeit am Wurzelhals. Einen Überblick über vorbeugende Klimaführung gegen mehrere Pilzkrankheiten bietet der Artikel Prävention durch Klimaführung.

Häufige Fragen

Kann ein umgeknickter Sämling noch gerettet werden?

Meist nicht. Sobald der Stängel am Wurzelhals wässrig-braun eingeschnürt und der Sämling umgeknickt ist, sind die leitenden Gewebe an dieser Stelle bereits zerstört. Sinnvoller als ein Rettungsversuch ist es, die betroffene Pflanze zu entfernen und die Bedingungen für die übrigen Sämlinge sofort zu verbessern, damit sich der Befall nicht ausbreitet.

Warum sind gerade frisch gekeimte Sämlinge so gefährdet?

Das Gewebe am Wurzelhals ist bei jungen Sämlingen noch sehr weich und dünn und bietet Erregern kaum Widerstand. Mit zunehmendem Alter verholzt der Stängel an dieser Stelle, wodurch das Risiko für einen Befall deutlich sinkt. Deshalb tritt die Umfallkrankheit fast ausschließlich in den ersten ein bis zwei Wochen nach der Keimung auf.

Reicht weniger Gießen aus, um die Umfallkrankheit zu verhindern?

Ein zurückhaltender Gießrhythmus mit gut durchlüftetem, nie dauerhaft nassem Substrat ist der wichtigste Einzelfaktor, reicht aber nicht allein aus. Sauberes, unbelastetes Substrat, ausreichend warme Temperaturen und gute Luftzirkulation über der Anzuchtschale ergänzen sich gegenseitig und sollten gemeinsam beachtet werden.

Kann die Umfallkrankheit auch Stecklinge betreffen, nicht nur Sämlinge?

Ja. Dieselben Erreger können auch frisch geschnittene, noch unbewurzelte Stecklinge befallen und dort ähnliche Symptome auslösen, etwa in feuchten, wenig belüfteten Steinwollwürfeln. Ein dokumentierter Fall bei Cannabis-Stecklingen zeigte Symptome wie Stauchung, Umfallen und Chlorose innerhalb weniger Tage nach dem Kontakt mit dem Erreger.

Helfen Fungizide gegen die Umfallkrankheit bei Cannabis?

Für Cannabis sind aktuell keine chemischen Fungizide gegen diese Erreger zugelassen, und auf später konsumierten Pflanzenteilen wären Rückstände ohnehin unerwünscht. In der Forschung wurden bestimmte biologische Gegenspieler auf Basis von Bacillus- und Trichoderma-Arten mit reduzierendem Effekt auf die Befallsschwere untersucht; für den Hausgebrauch ist das aber kein Ersatz für saubere Kultur und passendes Klima.

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Quellen

  1. Hemp (Cannabis sativa)-Damping-off Pacific Northwest Pest Management Handbooks (Oregon State University, Washington State University, University of Idaho)Nennt Pythium aphanidermatum, P. debaryanum, Globisporangium ultimum, Fusarium oxysporum und Rhizoctonia solani als Erreger; beschreibt Vor- und Nachauflauf-Symptome sowie begünstigende kalte, verdichtete, schlecht durchlüftete Böden.
  2. Biological control of Fusarium oxysporum causing damping-off and Pythium myriotylum causing root and crown rot on cannabis (Cannabis sativa L.) plants Scott, Punja – Canadian Journal of Plant Pathology 45, 2023Bestätigt Fusarium oxysporum und Pythium spp. als Ursache von Umfallkrankheit und Wurzel-/Stängelfäule bei Cannabis; zeigt, dass bestimmte biologische Gegenspieler (Bacillus-, Trichoderma-Arten) die Befallsschwere im Versuch senken konnten, weil kaum zugelassene Fungizide verfügbar sind.
  3. First report of Pythium myriotylum causing damping off and root rot in Cannabis sativa in Florida Brown, Blit, Gerstenberg, Say, Philbrook – Plant Disease 110, 2026Dokumentiert Umfallkrankheit, Stauchung und Chlorose an Cannabis-Stecklingen in Steinwolle nach Kontakt mit Pythium myriotylum; zeigt, dass auch unbewurzelte Stecklinge und nicht nur Samen-Sämlinge betroffen sein können.
  4. Pathogens and Molds Affecting Production and Quality of Cannabis sativa L. Punja, Collyer, Scott, Lung, Holmes, Sutton – Frontiers in Plant Science 10, 2019Übersicht zu Cannabis-Krankheiten, die Fusarium- und Pythium-Arten als Erreger von Umfallkrankheit und Wurzelhalsfäule an Wurzel und Wurzelhals einordnet.

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