Apikaldominanz: Warum die Triebspitze Seitenknospen bremst
Kurz erklärt
Apikaldominanz bezeichnet die Unterdrückung seitlicher Knospen durch die aktive Triebspitze einer Pflanze: Solange die Spitze wächst, bleiben Seitenknospen darunter meist inaktiv oder wachsen deutlich langsamer. Lange galt allein das Hormon Auxin, das die Spitze stängelabwärts transportiert, als Ursache; neuere Forschung zeigt zusätzlich eine zentrale Rolle von Zuckerverteilung sowie den Hormonen Cytokinin und Strigolacton. Wird die Spitze entfernt, etwa beim Topping, fällt die Unterdrückung weg, und mehrere Seitenknospen treiben aus.
Inhalt(7 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Klassisch verantwortliches Hormon
- Auxin (IAA) aus der Triebspitze
- Zusätzlich beteiligt
- Zuckerverteilung, Cytokinin, Strigolactone
- Reaktion nach Spitzenverlust
- Zuckerumverteilung schon innerhalb weniger StundenAuxingehalt im Stängel veränderte sich in einer Studie erst später messbar
- Praktische Nutzung
- gezieltes Entfernen der Spitze (Topping) fördert mehrere Haupttriebe
Was Apikaldominanz ist und wie sie sich zeigt
Apikaldominanz bezeichnet die Unterdrückung des Austriebs seitlicher Knospen durch die Triebspitze einer Pflanze. Solange die Haupttriebspitze aktiv wächst, bleiben die in den Blattachseln sitzenden Seitenknospen (Axillarknospen) meist inaktiv oder wachsen nur langsam; entfernt man die Spitze, etwa durch Fressschäden, Wind oder gezielten Schnitt, treiben mehrere Seitenknospen darunter deutlich schneller aus. Das Ergebnis ist die vertraute Wuchsform vieler Pflanzen: ein dominanter Haupttrieb mit untergeordneten Seitentrieben, solange die Spitze intakt bleibt.
Wie stark die Apikaldominanz bei einer Pflanze ausgeprägt ist, unterscheidet sich zwischen Arten und selbst zwischen Sorten derselben Art. Bei Cannabis ist sie in der Wachstumsphase meist deutlich sichtbar: Der Haupttrieb wächst spürbar schneller als die Seitentriebe, solange seine Spitze nicht entfernt wird.
Die klassische Erklärung: Auxin aus der Triebspitze
Seit fast einem Jahrhundert steht das Pflanzenhormon Auxin im Zentrum der Erklärungsversuche für Apikaldominanz. Nach dem klassischen Modell produziert die Triebspitze das Auxin Indol-3-Essigsäure und transportiert es aktiv stängelabwärts; dieser Auxinstrom soll das Austreiben der darunterliegenden Seitenknospen direkt hemmen. Eine vielzitierte Übersichtsarbeit zur hormonellen Steuerung der Verzweigung beschreibt, wie drei Hormonklassen – Auxine, Cytokinine und Strigolactone – gemeinsam ein systemisches Signalnetzwerk bilden, das über zwei ergänzende Modelle erklärt wird: eines, das auf der gerichteten Umlenkung des Auxintransports beruht, und eines, das auf einem sekundären, durch Auxin regulierten Botenstoff basiert.
Cytokinine wirken dabei meist gegenläufig zu Auxin: Werden sie direkt in eine ruhende Seitenknospe appliziert, kann das die Knospe unabhängig vom Auxinstatus zum Austreiben bringen. Strigolactone, eine erst in den 2000er-Jahren entdeckte Hormonklasse, unterdrücken das Knospenwachstum zusätzlich und werden ebenfalls durch Auxin reguliert, wodurch sich ein Netzwerk aus sich gegenseitig beeinflussenden Signalen ergibt statt einer einzelnen linearen Kette.
Neuere Erkenntnisse: Nicht nur Auxin entscheidet
Neuere Untersuchungen relativieren die zentrale Rolle von Auxin als alleinigem, erstem Auslöser. Eine Studie an mehreren Pflanzenarten zeigte, dass Seitenknospen nach dem Entfernen der Triebspitze bereits auszutreiben begannen, bevor sich der Auxingehalt im benachbarten Stängel überhaupt messbar veränderte. Stattdessen verlagerten sich Zucker innerhalb weniger Stunden verstärkt in die Knospen, künstlich erhöhte Zuckerkonzentrationen senkten die Aktivität des Schlüsselgens BRANCHED1, das die Knospenruhe aufrechterhält, und lösten so rasch den Austrieb aus. Die Autoren folgern, dass die starke Zuckernachfrage der aktiven Triebspitze den Seitenknospen zunächst schlicht den Nachschub an Zucker entzieht und sie dadurch in Ruhe hält; Auxin wirkt danach eher nachgelagert, um den einmal begonnenen Austrieb aufrechtzuerhalten.
Eine spätere Zusammenfassung des Forschungsstands ordnet diese Befunde ein: Zucker und ihre Signalwege spielen demnach vor allem in den frühen Stunden nach dem Verlust der Triebspitze eine wichtige Rolle, während Cytokinin die Reaktion zusätzlich an Umweltbedingungen koppelt und der Export von Auxin aus der Knospe selbst für das anhaltende Wachstum wichtiger ist als lange angenommen. Apikaldominanz lässt sich damit heute nicht mehr auf einen einzelnen Botenstoff reduzieren, sondern nur als Zusammenspiel mehrerer, sich gegenseitig beeinflussender Signale verstehen.
Was beim Entfernen der Triebspitze passiert
Wird die Triebspitze entfernt, wie es beim Topping gezielt gemacht wird, fällt die von ihr ausgehende Unterdrückung weg: Der Zuckerbedarf der bisherigen Spitze entfällt, der Auxinstrom stängelabwärts wird unterbrochen, und mehrere der obersten Seitenknospen beginnen näherungsweise gleichzeitig auszutreiben. Dadurch entstehen mehrere annähernd gleichwertige Haupttriebe statt eines einzelnen dominanten Triebs – die Pflanze wird buschiger und in der Regel niedriger, weil sich das Wachstum auf mehr Triebspitzen verteilt.
Wie schnell und wie stark diese Reaktion ausfällt, hängt vom Gesundheitszustand der Pflanze, ihrer Sorte und dem Zeitpunkt des Eingriffs ab. Weil neue, gleichrangige Triebspitzen selbst wieder Apikaldominanz über ihre eigenen, tiefer sitzenden Seitenknospen ausüben, bleibt das Grundprinzip nach dem Schnitt bestehen, nur mit mehreren statt einer Dominanzquelle.
Typische Fehler und Missverständnisse
Apikaldominanz allein auf Auxin zurückführen. Neuere Forschung zeigt, dass auch Zuckerverteilung und Cytokinin an der Regulation beteiligt sind; Auxin ist ein wichtiger, aber nicht der einzige Faktor.
Ausbleibenden Austrieb nach dem Schnitt als Fehler werten. Seitenknospen brauchen nach dem Entfernen der Spitze Zeit, bis sich Zucker- und Hormonverteilung umgestellt haben; ein sichtbarer Austrieb nach einigen Tagen statt Stunden ist normal.
Apikaldominanz mit reinem Höhenwachstum verwechseln. Die dominante Spitze wächst nicht zwangsläufig am schnellsten in die Höhe, sie unterdrückt vor allem das Austreiben der Seitenknospen; beide Effekte hängen zusammen, sind aber nicht identisch.
Annehmen, ein einzelner Schnitt beseitige Apikaldominanz dauerhaft. Jede neu entstehende Triebspitze etabliert erneut eine eigene, wenn auch schwächere Dominanz über die unter ihr liegenden Knospen.
Sortenunterschiede ignorieren. Wie ausgeprägt Apikaldominanz und die Reaktion auf einen Schnitt ausfallen, unterscheidet sich zwischen Genetiken; eigene Beobachtung ist verlässlicher als eine pauschale Erwartung.
Häufige Fragen
Ist Auxin allein für Apikaldominanz verantwortlich?
Nein. Auxin galt lange als alleinige Ursache, neuere Untersuchungen zeigen aber, dass auch die Zuckerverteilung in der Pflanze und die Hormone Cytokinin und Strigolacton eine wichtige Rolle spielen. Auxin scheint vor allem dafür wichtig zu sein, einen einmal begonnenen Austrieb einer Seitenknospe aufrechtzuerhalten, weniger dafür, ihn überhaupt erst auszulösen.
Warum treiben Seitenknospen nach dem Topping nicht sofort aus?
Nach dem Entfernen der Triebspitze müssen sich Zuckerverteilung und Hormonhaushalt in der Pflanze erst umstellen, bevor eine Seitenknospe sichtbar zu wachsen beginnt. Diese Umstellung beginnt zwar innerhalb von Stunden, ein deutlich sichtbarer Austrieb dauert aber meist mehrere Tage.
Was sind Strigolactone?
Strigolactone sind eine erst in den 2000er-Jahren entdeckte Pflanzenhormonklasse, die zusätzlich zu Auxin das Austreiben von Seitenknospen unterdrückt. Ihre Produktion wird ihrerseits durch Auxin reguliert, wodurch sie Teil desselben Signalnetzwerks sind, das die Verzweigung einer Pflanze steuert.
Haben alle Cannabis-Sorten die gleiche Apikaldominanz?
Nein, wie ausgeprägt Apikaldominanz ausfällt, unterscheidet sich zwischen Sorten und einzelnen Pflanzen. Manche Genetiken bilden von Natur aus mehrere annähernd gleichwertige Haupttriebe, andere einen klar dominanten Haupttrieb mit deutlich zurückbleibenden Seitentrieben.
Was passiert mit der Apikaldominanz nach mehrfachem Topping?
Jede neu entstehende Triebspitze etabliert erneut eine eigene, meist etwas schwächere Dominanz über die darunterliegenden Seitenknospen. Das Grundprinzip bleibt also erhalten, nur mit mehreren statt einer einzigen Dominanzquelle auf der Pflanze.
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Quellen
- Signal integration in the control of shoot branching Domagalska, Leyser – Nature Reviews Molecular Cell Biology 12, 2011Übersichtsarbeit zum Zusammenspiel von Auxin, Cytokinin und Strigolacton bei der Steuerung der Verzweigung.
- Sugar demand, not auxin, is the initial regulator of apical dominance Mason, Ross, Babst, Wienclaw, Beveridge – Proceedings of the National Academy of Sciences 111, 2014Zeigt, dass Seitenknospen schon vor messbaren Auxin-Veränderungen austreiben, ausgelöst durch rasche Zuckerumverteilung nach Entfernen der Triebspitze.
- An Update on the Signals Controlling Shoot Branching Barbier, Dun, Kerr, Chabikwa, Beveridge – Trends in Plant Science 24, 2019Ordnet die Rollen von Zucker, Cytokinin, Strigolacton und Auxin-Export aus der Knospe im aktuellen Forschungsstand ein.
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