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Aufgerichtete Blätter bei Cannabis: Ursachen und Einordnung

Von Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Aufgerichtete Blätter – Fingerblätter, die deutlich steiler als üblich nach oben stehen, teils fast senkrecht – entstehen meist durch eine Wachstumsreaktion, die Petiolen und Blattstiele aufrichtet: entweder als Schattenvermeidung in einem dichten, sich selbst beschattenden Blätterdach oder als Reaktion auf Hitze nahe der Lampe. Beide Mechanismen sind über das Pflanzenhormon Auxin gut belegt, allerdings bislang nicht gezielt an Cannabis untersucht. Weder Überwässerung noch Stickstoffüberschuss haben einen bekannten Mechanismus, der Blätter gezielt aufrichtet statt sie hängen oder krümmen zu lassen.

Inhalt(8 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Fachbegriff
Hyponastieaktives Aufrichten von Blattstiel oder Petiole durch ungleiches Wachstum
Auslöser 1
Schattenvermeidung in dichtem Blätterdachphytochromvermittelt, über Auxin (Casal 2012)
Auslöser 2
Hitze in Lampennähebei Arabidopsis über den Faktor PIF4 und Auxin belegt (Koini et al. 2009); für Cannabis nicht bestätigt
Häufiger Mythos
Überwässerung oder Stickstoffüberschuss als Ursachekein belegter Mechanismus; beide Ursachen zeigen andere, dokumentierte Symptome

Was aufgerichtete Blätter sind – und wovon du sie unterscheidest

Aufgerichtete Blätter stehen deutlich steiler als der übliche, leicht ausladende Winkel eines gesunden Cannabisblatts – teils fast senkrecht nach oben, in Grower-Kreisen oft als „betende“ Blätter beschrieben. Anders als bei hängenden Blättern bleibt das Gewebe dabei meist prall und fest; es ändert sich nur der Winkel, in dem Blattstiel und Fingerblätter zum Stängel stehen. Und anders als bei Krallenform, bei der sich Blattspitzen aktiv nach unten biegen, zeigt die Bewegung hier in die entgegengesetzte Richtung: nach oben.

Diese Art von Blattbewegung heißt in der Pflanzenphysiologie Hyponastie – ein aktives, wachstumsbedingtes Aufrichten von Blattstiel oder Petiole, ausgelöst durch unterschiedlich schnelles Wachstum an Blattober- und -unterseite. Cannabis besitzt keine schnellen, umkehrbaren Bewegungsmechanismen wie etwa die Mimose; jede sichtbare Änderung der Blattstellung ist deshalb eher eine langsamere, über Stunden bis Tage ablaufende Wachstumsreaktion als eine plötzliche Bewegung.

Ursache 1: Wenig Licht und Konkurrenz im Blätterdach

Ein gut belegter Auslöser für Hyponastie ist Schattenvermeidung. Werden untere Blätter von oberen beschattet, verändert sich das Verhältnis von rotem zu dunkelrotem Licht, das am Blatt ankommt – ein Signal, das Pflanzen über Phytochrome wahrnehmen. Übersichtsarbeiten zu diesem Mechanismus beschreiben neben dem bekannteren Streckungswachstum des Stängels auch ein aktives Aufrichten von Blattstielen als Teil desselben Schattenvermeidungsprogramms: Die Pflanze versucht, ihre Blätter aus dem Schatten benachbarter Blätter heraus- und näher an offenes Licht heranzubewegen.

In einem dicht gewachsenen Blätterdach, wie es bei engem Pflanzenabstand oder ohne regelmäßiges Ausdünnen entsteht, ist dieser Mechanismus plausibel: Untere und innen liegende Blätter, die von oben beschattet werden, richten sich eher steiler auf als frei stehende Blätter außen am Bestand. Direkt an Cannabis ist dieser Zusammenhang nicht gezielt untersucht, das zugrunde liegende phytochromvermittelte Prinzip gilt aber für sehr viele Pflanzenarten. Wie sich ein dichtes Blätterdach durch Training vermeiden lässt, beschreiben die Kategorie LST & Canopy und der Artikel zum Low Stress Training.

Ursache 2: Hitze in Lampennähe

Ein zweiter, unabhängiger Auslöser für Hyponastie ist Hitze. An der Modellpflanze Arabidopsis ist gut dokumentiert, dass erhöhte Umgebungstemperatur über den Transkriptionsfaktor PIF4 eine ganze Reihe von Wachstumsanpassungen auslöst, darunter eine deutliche Streckung von Stängeln und Blattstielen sowie ein aktives Aufrichten der Blätter. Pflanzen, denen dieser Faktor fehlt, zeigten diese Aufrichtungsreaktion in der Studie nicht, während die Streckung teilweise erhalten blieb – ein Hinweis darauf, dass hinter der reinen Hitzewahrnehmung ein eigener, auxinvermittelter Signalweg steckt.

Ob Cannabis auf Hitze mit einer vergleichbaren Blattaufrichtung reagiert, ist nicht direkt untersucht. Weil der zugrunde liegende Signalweg über Auxin bei vielen Pflanzenfamilien konserviert ist, ist ein ähnlicher Effekt plausibel – vor allem bei Pflanzen, die nah an einer starken, wärmeabstrahlenden Lampe stehen. Wie du einen passenden Lampenabstand und eine angemessene Temperatur auf Blatthöhe findest, beschreiben die Artikel Abstand zur Pflanze und Hitzestress.

Was oft fälschlich als Ursache gilt

In der Grower-Community werden aufgerichtete, „betende“ Blätter häufig pauschal Überwässerung oder Stickstoffüberschuss zugeschrieben. Für beide Erklärungen fehlt ein belegter Mechanismus, der speziell zu einem Aufrichten der Blätter führt:

  • Überwässerung ist in der Fachliteratur vor allem mit schlaffen, hängenden Blättern verbunden, weil Sauerstoffmangel an den Wurzeln deren Wasseraufnahme verringert. Das ist die gegenteilige Bewegungsrichtung zu einem aktiven Aufrichten.

  • Stickstoffüberschuss zeigt sich in kontrollierten Cannabis-Studien vor allem als sehr dunkelgrüne Blattfarbe; wird der Stickstoff überwiegend als Ammonium statt als Nitrat angeboten, kommt es bei sehr hohen Anteilen zu einer Krümmung nach unten und Randnekrosen – wieder die entgegengesetzte Richtung zu aufgerichteten Blättern.

Diese Beobachtungen sprechen dafür, dass „betende“ Blätter in den meisten Fällen eher mit Licht- oder Temperaturverhältnissen im Bestand zusammenhängen als mit dem Gießverhalten oder der Stickstoffdüngung. Genetische Unterschiede zwischen Sorten spielen ebenfalls eine Rolle: Manche Phänotypen wachsen von Natur aus mit steilerem Blattwinkel als andere, wie der Artikel zu phänotypischen Unterschieden innerhalb einer Sorte beschreibt.

So gehst du vor

  1. Temperatur auf Blatthöhe messen, nicht nur die Raumtemperatur. Ein Thermometer direkt im oberen Blätterdach zeigt, ob Hitze durch Lampennähe eine plausible Ursache ist.

  2. Dichte des Blätterdachs beurteilen. Beschatten sich Blätter gegenseitig stark, kann Ausdünnen oder Training helfen, mehr gleichmäßiges Licht zu allen Blattebenen zu bringen.

  3. Substrat und Topfgewicht trotzdem prüfen, um Überwässerung sicher auszuschließen, auch wenn dafür kein direkter Mechanismus für aufgerichtete Blätter bekannt ist.

  4. Düngeplan nicht vorschnell ändern. Ohne weitere Symptome wie sehr dunkles Grün oder Randnekrosen ist eine Reduktion der Stickstoffgabe allein wegen aufgerichteter Blätter nicht begründet.

  5. Verlauf beobachten. Verändert sich die Blattstellung wieder, sobald Temperatur oder Lichtverteilung angepasst sind, bestätigt das die vermutete Ursache im Nachhinein.

Typische Fehler bei der Einordnung

  • Aufgerichtete Blätter automatisch als Überwässerung werten. Der dokumentierte Mechanismus bei zu viel Wasser führt zu hängenden, nicht zu aufgerichteten Blättern.

  • Sofort die Stickstoffdüngung reduzieren. Ohne zusätzliche, tatsächlich für Stickstoffüberschuss dokumentierte Symptome ist das ein Eingriff ohne gesicherte Grundlage.

  • Die Temperatur auf Blatthöhe nicht messen. Raumthermometer an der Wand zeigen oft deutlich kühlere Werte als das direkt bestrahlte obere Blätterdach.

  • Ein dichtes Blätterdach ignorieren. Gegenseitige Beschattung ist eine der plausibelsten, aber am leichtesten zu übersehenden Ursachen.

  • Sortentypische Wuchsform als Problem missverstehen. Manche Phänotypen stehen von Natur aus steiler; vergleiche mit dem Vorwachstum derselben Pflanze, nicht mit anderen Sorten.

Häufige Fragen

Sind aufgerichtete Blätter ein Zeichen für Überwässerung?

Ein belastbarer Mechanismus dafür ist nicht bekannt. Überwässerung ist vor allem mit hängenden, schlaffen Blättern durch Sauerstoffmangel an den Wurzeln verbunden, nicht mit aktiv aufgerichteten. Prüfe bei diesem Verdacht besser Topfgewicht und Substratfeuchte, wie im Artikel zu hängenden Blättern beschrieben, statt die Diagnose allein auf die Blattstellung zu stützen.

Ist zu viel Stickstoff die Ursache für aufgerichtete Blätter?

Auch dafür fehlt ein belegter Mechanismus. Cannabis-Studien zu hoher Stickstoffversorgung beschreiben vor allem sehr dunkelgrüne Blätter, bei extremer Ammoniumbelastung zusätzlich eine Krümmung nach unten – nicht nach oben. Die Zuschreibung an Stickstoff beruht eher auf Grower-Erfahrung als auf dokumentierten Studienergebnissen.

Warum stehen Blätter direkt unter einer starken Lampe oft steiler?

Ein möglicher Grund ist Hitze: Bei anderen Pflanzenarten ist belegt, dass erhöhte Temperatur über das Hormon Auxin ein aktives Aufrichten von Blattstielen auslöst, vermutlich um die direkt bestrahlte Blattfläche zu verringern. Ob dieser Mechanismus bei Cannabis in gleicher Form abläuft, ist nicht untersucht; eine Kontrolle der Temperatur auf Blatthöhe ist trotzdem sinnvoll.

Kann ein dichtes Blätterdach aufgerichtete Blätter verursachen?

Ja, das ist plausibel. Werden untere Blätter von oberen beschattet, verändert sich das Verhältnis von Rot- zu Dunkelrotlicht, was bei vielen Pflanzenarten ein Aufrichten von Blattstielen auslöst, um wieder mehr Licht zu erreichen. Regelmäßiges Ausdünnen oder Training kann ein zu dichtes Blätterdach verhindern.

Sollte ich bei aufgerichteten Blättern sofort etwas ändern?

Nicht ohne genauere Prüfung. Miss zuerst Temperatur und Lichtverteilung auf Blatthöhe und beurteile, wie dicht das Blätterdach ist, bevor du Gießrhythmus oder Düngung veränderst. Ein sofortiger Eingriff auf Verdacht kann bei einer falschen Diagnose zusätzlichen Stress verursachen.

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Quellen

  1. Shade Avoidance Casal – The Arabidopsis Book, 2012Übersicht zur Schattenvermeidung: verändertes Rot-Dunkelrot-Verhältnis in dichten Beständen löst über Phytochrome unter anderem ein Aufrichten von Blattstielen (Hyponastie) aus.
  2. High Temperature-Mediated Adaptations in Plant Architecture Require the bHLH Transcription Factor PIF4 Koini, Alvey, Allen, Tilley, Harberd, Whitelam, Franklin – Current Biology 19, 2009Zeigt an Arabidopsis, dass erhöhte Temperatur über den Transkriptionsfaktor PIF4 und Auxin-Signalwege eine Hyponastie (Aufrichten) der Blätter auslöst.
  3. Characterization of Nutrient Disorders of Cannabis sativa Cockson, Landis, Smith, Hicks, Whipker – Applied Sciences 9, 2019Dokumentiert die tatsächlichen Symptome von Stickstoffmangel und weiteren Nährstoffstörungen bei Cannabis als Vergleich zur Grower-Erklärung 'Stickstoffüberschuss'.
  4. Response of Medical Cannabis (Cannabis sativa L.) to Nitrogen Supply Under Long Photoperiod Saloner, Bernstein – Frontiers in Plant Science 11, 2020Dokumentiert bei hoher Stickstoffversorgung sehr dunkelgrüne Blätter, aber kein Aufrichten oder Krümmen der Blätter als Symptom.

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