Stickstoff bei Cannabis: Mangel und Überschuss erkennen und richtig dosieren
Kurz erklärt
Stickstoff (N) gehört zu den Nährstoffen, die Cannabis in der größten Menge braucht – für Chlorophyll, Eiweiße und Wachstum. Weil die Pflanze ihn aus alten Blättern in neue verlagern kann, zeigt sich Mangel zuerst unten: Die großen Fächerblätter hellen auf und werden gelb, später auch weiter oben. Zu viel Stickstoff färbt das Laub sehr dunkelgrün und bremst das Wachstum. In Versuchen war Cannabis mit etwa 160 mg N pro Liter Nährlösung optimal versorgt, überwiegend als Nitrat.
Inhalt(7 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Optimum in Versuchen
- ca. 160 mg N/l Nährlösungin Wachstums- und Blütephase; andere Arbeiten nennen 150–200 mg N/l
- Mangel zeigt sich zuerst
- an alten, unteren Fächerblätternspäter rötliche Blattstiele und Vergilbung nach oben
- Ammoniumanteil
- höchstens ca. 10–30 % des Stickstoffs50 % Ammonium senkten den Blütenertrag in einem Versuch um 46 %
- Überschuss
- sehr dunkelgrünes Laub, kleinere Pflanzenbeobachtet bei 320 mg N/l
Wofür Cannabis Stickstoff braucht
Stickstoff ist Baustein von Chlorophyll, Aminosäuren, Eiweißen und Erbsubstanz. Ohne ihn kann die Pflanze weder Blattgrün bilden noch wachsen. Cannabis enthält Stickstoff in besonders hohen Konzentrationen, und Mangelsymptome entwickeln sich schneller als bei manchen anderen Nährstoffen. Wer Stickstoff zu knapp dosiert, sieht das deshalb oft schon nach wenigen Wochen an den unteren Blättern.
Die Wurzeln nehmen Stickstoff überwiegend als Nitrat (NO₃⁻) und als Ammonium (NH₄⁺) auf. Einmal eingebaut, bleibt er beweglich: Bei knapper Versorgung baut die Pflanze Eiweiße in älteren Blättern ab und verlagert den Stickstoff in junge Triebe. Deshalb zählt er zu den mobilen Nährstoffen, deren Mangel zuerst unten sichtbar wird.
Stickstoffmangel erkennen
Das typische Bild beginnt an den untersten, größten Fächerblättern: Sie werden hellgrün, dann gelb. In einer Studie an Hanfstecklingen begann der Mangel als leichte, gleichmäßige Aufhellung der unteren Blätter, die sich nach oben ausbreitete; zuletzt wurden die Blätter ganz gelb, starben ab und fielen ab. Die Pflanzen bildeten nur die Hälfte der Biomasse.
Ein Versuch der University of Guelph zeigt den Verlauf in der Blüte genauer. Drei Wochen nach der Umstellung auf 12 Stunden Licht vergilbten zuerst die Spitzen der unteren Fächerblätter, anfangs betont zwischen den Adern, dann flächig. Eine Woche später war das untere Zwei-Drittel der Pflanze betroffen, die Blattstiele färbten sich rotbraun. Der Blütenertrag lag am Ende rund 70 % unter dem der vollständig versorgten Pflanzen.
Auch in der Wachstumsphase ist das Muster eindeutig: Bei 80 mg N/l trat die Chlorose – die Gelbfärbung durch fehlendes Chlorophyll – vor allem an den unteren, älteren Blättern auf, bei 30 mg N/l war die ganze Pflanze blass und im Wachstum stark gebremst.
Zu viel Stickstoff und die Rolle von Ammonium
Ein Überschuss ist weniger auffällig, aber nicht harmlos. In der Wachstumsphase lag das Optimum bei 160 mg N/l; bei 320 mg N/l waren die Pflanzen und ihre Organe kleiner und das Laub auffällig dunkelgrün. Oberhalb von 160 mg N/l nahm die Pflanze mehr Stickstoff auf, als sie verwerten konnte. Ob die verbreitete Krallenform der Blätter wirklich auf Stickstoffüberschuss zurückgeht, ordnet der Artikel Blätter mit Krallenform ein.
Mindestens so wichtig ist die Stickstoffform. Bei gleicher Gesamtmenge war Cannabis mit reiner Nitratdüngung am wüchsigsten. Ein Ammoniumanteil von 10–30 % schadete kaum, bei 50 % sank der Blütenertrag um 46 % und späte Vergiftungserscheinungen traten auf. Reines Ammonium führte früh zu gekräuselten Blättern mit abgestorbenen Rändern an den Triebspitzen und schließlich zum Absterben. Ammonium säuert außerdem den Wurzelraum an.
Wie viel Stickstoff in Wachstum und Blüte?
Die Versuche der Bernstein-Gruppe fanden sowohl in der Wachstums- als auch in der Blütephase ein Optimum bei etwa 160 mg N/l Nährlösung; andere Arbeiten ordnen das wirtschaftliche Optimum zwischen 150 und 200 mg N/l ein. In der Blüte stieg der Ertrag bis 160 mg N/l und blieb darüber gleich, während die Cannabinoidgehalte mit steigender Stickstoffgabe kontinuierlich sanken. Mehr Stickstoff als nötig lohnt sich also nicht – weder für den Ertrag noch für die Inhaltsstoffe der Blüten.
Diese Zahlen gelten für Nährlösungen in erdelosen Substraten. In vorgedüngter Erde und organischen Systemen lässt sich die Versorgung nicht in Milligramm pro Liter ausdrücken; dort orientierst du dich an der Blattfarbe, am Wachstum und an den Herstellerangaben, die als Obergrenze zu verstehen sind. Zum Einstieg in die Düngung passt der Artikel zur ersten Nährstoffversorgung.
Diagnose: Stickstoffmangel oder etwas anderes?
Gelbe untere Blätter haben mehrere mögliche Ursachen. Die Tabelle hilft bei der Abgrenzung.
Merkmal | Stickstoffmangel | Natürliche Blattalterung | Magnesiummangel | Schwefelmangel |
|---|---|---|---|---|
Wo zuerst | untere, alte Fächerblätter | untere, alte Fächerblätter | ältere, später auch jüngere Blätter | obere, junge Blätter |
Muster | flächige Aufhellung bis Gelb | vom Blattrand zur Mittelrippe | gelb zwischen grünen Adern | gleichmäßig hellgelb |
Zeitpunkt | jederzeit, schreitet schnell voran | letztes Drittel der Blüte | jederzeit | jederzeit, eher langsam |
Begleitzeichen | rötliche Blattstiele, Wachstum stockt | Blüten reifen normal weiter | teils Nekrosen zwischen den Adern | Blätter wirken insgesamt blass |
Bevor du nachdüngst, prüfe den Wurzelraum. Ein ungünstiger pH, Konkurrenz zwischen Nährstoffen oder geschädigte Wurzeln können Mangelsymptome auslösen, obwohl genug Stickstoff im Substrat ist. So gehst du vor:
Gießverhalten und Topfgewicht prüfen. Dauerhaft nasses Substrat schädigt die Wurzeln, siehe Überwässerung.
pH und EC messen, in der Nährlösung und im Drain.
Erst dann die Stickstoffgabe erhöhen, in kleinen Schritten und überwiegend mit Nitrat.
Den Neuaustrieb beurteilen. Ob die Korrektur wirkt, zeigen die neuen Blätter nach einigen Tagen, nicht das alte, gelbe Blatt.
Typische Fehler sind, in der späten Blüte jede Vergilbung mit Dünger zu bekämpfen, bei echtem Mangel zu früh auf einen blütebetonten Dünger mit wenig Stickstoff zu wechseln oder mit viel Ammonium nachzudüngen. Ebenso verbreitet ist das Gegenteil: aus Angst vor Mangel dauerhaft zu viel Stickstoff zu geben, bis das Laub fast schwarzgrün ist.
Häufige Fragen
Werden gelbe Blätter nach dem Düngen wieder grün?
Leicht aufgehellte Blätter können wieder etwas nachdunkeln, stark vergilbte Blätter erholen sich in der Regel nicht mehr. Ob die Korrektur wirkt, erkennst du am Neuaustrieb: Bleiben neue Blätter über einige Tage sattgrün und stoppt die Vergilbung von unten, ist die Versorgung wieder ausreichend.
Soll ich in der Blüte weniger Stickstoff geben?
Weniger als im Wachstum oft ja, aber nicht radikal. In einem Blüteversuch stieg der Ertrag bis etwa 160 mg N/l und blieb darüber gleich, während höhere Gaben die Cannabinoidgehalte senkten. Echter Stickstoffmangel in der ersten Blütehälfte kostet dagegen viel Ertrag. Ziel ist eine bedarfsgerechte, nicht überhöhte Versorgung.
Wie unterscheide ich Stickstoffmangel von natürlicher Blattalterung?
Entscheidend sind Zeitpunkt und Tempo. Natürliche Blattalterung setzt im letzten Drittel der Blüte ein, schreitet langsam voran und die Blüten entwickeln sich normal weiter. Stickstoffmangel kann jederzeit auftreten, breitet sich innerhalb weniger Wochen über die Pflanze aus und bremst das Wachstum sichtbar.
Ist Ammonium oder Nitrat die bessere Stickstoffquelle?
Für Cannabis vor allem Nitrat. In einem Versuch waren Wachstum und Ertrag mit reiner Nitratdüngung am besten, 10–30 % Ammonium schadeten nur wenig, ab 50 % traten Vergiftungserscheinungen auf. Ammonium säuert zudem den Wurzelraum an, Nitrat hebt den pH leicht an.
Kann ich Stickstoffmangel mit organischem Dünger beheben?
Ja, aber langsamer. Organisch gebundener Stickstoff muss erst von Mikroorganismen zu Ammonium und Nitrat abgebaut werden, was je nach Material und Temperatur Tage bis Wochen dauert. Bei akutem Mangel wirkt ein flüssiger, schnell verfügbarer Stickstoffdünger rascher.
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Quellen
- Response of Medical Cannabis (Cannabis sativa L.) to Nitrogen Supply Under Long Photoperiod Saloner, Bernstein – Frontiers in Plant Science 11, 2020Wachstumsphase: Optimum bei 160 mg N/l, Chlorose vor allem an unteren Blättern bei Mangel, dunkelgrünes Laub und kleinere Pflanzen bei 320 mg N/l.
- Nitrogen supply affects cannabinoid and terpenoid profile in medical cannabis (Cannabis sativa L.) Saloner, Bernstein – Industrial Crops and Products 167, 2021Blütephase: Ertrag stieg bis 160 mg N/l und blieb darüber gleich; Cannabinoidgehalte sanken mit steigender Stickstoffgabe.
- Nitrogen Source Matters: High NH4/NO3 Ratio Reduces Cannabinoids, Terpenoids, and Yield in Medical Cannabis Saloner, Bernstein – Frontiers in Plant Science 13, 2022Nitrat als beste Quelle; 10–30 % Ammonium verträglich, 50 % senkten den Ertrag um 46 %, 100 % führten zu Vergiftung.
- Foliar Symptomology, Nutrient Content, Yield, and Secondary Metabolite Variability of Cannabis Grown Hydroponically with Different Single-Element Nutrient Deficiencies Llewellyn, Golem, Jones, Zheng – Plants 12, 2023Verlauf des Stickstoffmangels in der Blüte mit Bildern, starke Ertragsverluste; Einordnung eines Optimums von 150–200 mg N/l.
- Characterization of Nutrient Disorders of Cannabis sativa Cockson, Landis, Smith, Hicks, Whipker – Applied Sciences 9, 2019Stickstoffmangel an Hanfstecklingen: Aufhellung der unteren Blätter, Ausbreitung nach oben, halbierte Biomasse.
- Nitrogen uptake, assimilation and remobilization in plants: challenges for sustainable and productive agriculture Masclaux-Daubresse et al. – Annals of Botany 105, 2010Übersicht zu Aufnahme von Nitrat und Ammonium, Einbau und Umverteilung von Stickstoff in der Pflanze.
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