Nährstoffkreisläufe im Substrat: Wie Bodenleben Nährstoffe verfügbar macht
Kurz erklärt
Nährstoffkreisläufe beschreiben, wie Nährstoffe im Substrat ständig zwischen organisch gebundener und pflanzenverfügbarer Form wechseln, statt einmalig zugeführt und aufgebraucht zu werden. Mikroorganismen bauen abgestorbenes Pflanzenmaterial ab, Fressfeinde wie Protozoen setzen beim Verzehr von Bakterien zusätzliche Nährstoffe frei, und Mykorrhizapilze tauschen Nährstoffe gegen Zucker aus den Wurzeln. Dieser fortlaufende Kreislauf – nicht eine einzelne Düngergabe – versorgt Pflanzen in gut geführter lebender Erde dauerhaft mit Stickstoff und anderen Nährstoffen.
Inhalt(8 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Mineralisierung
- mikrobielle Umwandlung organisch gebundener Nährstoffe in verfügbare IonenGrundprozess jedes Nährstoffkreislaufs; Details zu Tempo je Material im Artikel zu organischen Düngern
- C:N-Schwelle für Stickstoff-Festlegung
- ca. 25–30:1über diesem Verhältnis binden Mikroben eher Stickstoff, als ihn freizusetzen (NRCS)
- Mikrobieller Kreislauf (microbial loop)
- Fressfeinde setzen beim Verzehr von Mikroben Nährstoffe freiProtozoen und Nematoden gelten als wichtigste Akteure in der Rhizosphäre
- Regenwurmkot
- reich an Stickstoff, Phosphor und Kaliumlaut NRCS eine zusätzliche, konzentrierte Nährstoffquelle im Substrat
Was Nährstoffkreisläufe im Substrat bedeuten
In lebender Erde werden Nährstoffe nicht einmalig geliefert und aufgebraucht, sondern wandern fortlaufend zwischen verschiedenen Formen: gebunden in abgestorbenem Pflanzenmaterial, in der Biomasse von Mikroben und Bodentieren, oder gelöst als Ionen, die Wurzeln aufnehmen können. Dieses Wandern zwischen organischer und mineralischer Form ist der Kern jedes Nährstoffkreislaufs.
Den zentralen Umwandlungsschritt nennt man Mineralisierung: den mikrobiellen Abbau organisch gebundener Nährstoffe zu pflanzenverfügbaren Ionen. Wie unterschiedlich schnell das je nach Ausgangsmaterial geht – von schnell wirkenden Mehlen bis zu langsamem Kompost – erklärt ausführlich der Artikel zu organischen Düngern. Dieser Artikel konzentriert sich stattdessen auf das größere Bild: welche Organismen den Kreislauf antreiben und wie er als System funktioniert.
Der Stickstoffkreislauf als Beispiel
Am besten erforscht ist der Kreislauf des Stickstoffs. Bakterien wandeln organisch gebundenen Stickstoff zunächst durch Ammonifikation in Ammonium um. Andere Bakterien oxidieren dieses Ammonium bei der Nitrifikation weiter zu Nitrit und schließlich zu Nitrat – der Form, die Pflanzen neben Ammonium am häufigsten aufnehmen. Unter Sauerstoffmangel kann ein Teil dieses Stickstoffs über Denitrifikation als Gas verloren gehen; wie stark das von der Feuchtigkeit abhängt, beschreibt der Artikel zur Feuchtigkeit im lebenden Boden.
Ob frisches organisches Material den Kreislauf kurzfristig mit Stickstoff versorgt oder ihm sogar welchen entzieht, hängt vom Kohlenstoff-zu-Stickstoff-Verhältnis (C:N) ab. Liegt es über etwa 25:1 bis 30:1, verbrauchen die abbauenden Mikroben mehr Stickstoff, als das Material liefert, und entziehen ihn vorübergehend dem Substrat – ein Effekt, der bei frischem Stroh oder Holzmaterial auftreten kann. Liegt das Verhältnis darunter, wie bei den meisten Komposten und organischen Düngern, wird stattdessen Stickstoff netto freigesetzt.
Die Rolle von Fressfeinden: der mikrobielle Kreislauf
Ein oft übersehener Teil des Kreislaufs sind Organismen, die selbst keine Nährstoffe aus totem Material lösen, sondern Mikroben fressen. Protozoen, Nematoden und manche Milben weiden Bakterien und Pilze ab und scheiden dabei einen Teil der in deren Zellen gebundenen Nährstoffe wieder aus – für die Pflanze in verfügbarer Form.
In der unmittelbaren Wurzelzone, der Rhizosphäre, ist dieser Mechanismus als „microbial loop“ (mikrobieller Kreislauf) gut dokumentiert: Wurzeln geben Zucker und andere Stoffe als Ausscheidungen ab, die Bakterien anlocken und ernähren; Protozoen fressen diese Bakterien und setzen Nährstoffe frei, die die Wurzeln direkt aufnehmen können. Fachliteratur beschreibt sogar Einflüsse auf die Wurzelarchitektur selbst, wenn Protozoen die Bakteriengemeinschaft um die Wurzeln regulieren. Mehr zu den pflanzenseitigen Ausscheidungen, die diesen Kreislauf anstoßen, liefert der Artikel zu Wurzelexsudaten.
Wie Mykorrhiza und andere Partner am Kreislauf teilnehmen
Neben Zersetzern und Fressfeinden gibt es Organismen, die in einer direkten Tauschbeziehung mit der Pflanze stehen. Mykorrhizapilze etwa versorgen Wurzeln mit Nährstoffen und teils Wasser, im Gegenzug erhalten sie von der Pflanze Zucker aus der Photosynthese. Stickstofffixierende Bakterien wandeln Luftstickstoff in für Pflanzen nutzbare Formen um. Beide Gruppen zählt die Bodenkunde zu den Mutualisten – Organismen, die sich mit Pflanzen gemeinsam entwickelt haben und beide Seiten begünstigen. Näheres dazu beschreibt der Artikel zur Mykorrhiza als Pflanzen-Boden-Beziehung.
Auch Regenwürmer tragen zum Kreislauf bei, indem sie organisches Material fressen und in ihrem Kot an Stickstoff, Phosphor und Kalium angereichert wieder ausscheiden. In Summe funktioniert der Nährstoffkreislauf also nur, wenn mehrere Organismengruppen zusammenarbeiten – Zersetzer, Fressfeinde und Mutualisten – und regelmäßig neues organisches Material als Ausgangsmaterial erhalten.
Wie stark einzelne Gruppen zum Kreislauf beitragen, hängt zusätzlich von der Vielfalt der Nahrungsquellen ab. Unterschiedliches organisches Material – etwa eine Mischung aus Kompost, Pflanzenresten und Wurzelausscheidungen statt einer einzigen Quelle – begünstigt eine vielfältigere Lebensgemeinschaft, weil jede Organismengruppe etwas andere Ausgangsstoffe bevorzugt. Einseitige, immer gleiche Inputs fördern dagegen tendenziell nur die wenigen Arten, die genau dieses Material am besten verwerten.
Warum der Kreislauf Zeit und Kontinuität braucht
Anders als eine Düngergabe, die sofort verfügbare Ionen liefert, baut sich ein funktionierender Nährstoffkreislauf über Wochen und Monate auf. Erst wenn Zersetzer, Fressfeinde und Mutualisten in ausreichender Zahl vorhanden sind und regelmäßig neues Material zum Abbau erhalten, stellt sich eine einigermaßen gleichmäßige Nachlieferung ein. In einem frisch angesetzten Substrat mit wenig organischer Substanz ist dieser Kreislauf entsprechend noch schwach ausgeprägt, selbst wenn einzelne Zutaten nährstoffreich erscheinen.
Typische Fehler und Irrtümer bei Nährstoffkreisläufen
„Organischer Dünger wirkt wie Mineraldünger, nur langsamer.“ Tatsächlich hängt die Freisetzung von einem funktionierenden Kreislauf aus mehreren Organismengruppen ab, nicht nur von Zeit. Fehlt etwa aktive Biologie in einem frisch angesetzten Substrat, bleibt die Freisetzung aus, egal wie lange gewartet wird.
Frisches, holziges Material ohne Ausgleich einarbeiten. Wegen des hohen C:N-Verhältnisses kann das kurzfristig Stickstoffmangel auslösen. Mehr zur Erkennung beschreibt der Artikel zu Stickstoff.
Sofortige Wirkung von Kompost-Tee oder Inokulaten erwarten. Solche Zugaben können einzelne Organismengruppen ergänzen, ersetzen aber nicht die kontinuierlichen organischen Inputs, die den Kreislauf langfristig tragen.
Hohe Salzgaben als harmlos einstufen. Konzentrierte Mineraldünger können Pilze, Nematoden und Protozoen zurückdrängen und damit ausgerechnet die Organismen schwächen, die in organisch geführten Systemen die Freisetzung übernehmen.
Nährstoffkreisläufe mit Hydrokultur gleichsetzen. In weitgehend sterilen Systemen ohne nennenswerte Biologie gibt es keinen biologischen Kreislauf in diesem Sinn; dort werden Nährstoffe stattdessen direkt über die Nährlösung gesteuert.
Weitere Grundlagen zu organisch geführten Substraten sammelt die Kategorie Living Soil.
Häufige Fragen
Ist Mineralisierung dasselbe wie Düngen?
Nein. Düngen ist die Zufuhr von Nährstoffen von außen, Mineralisierung ist der biologische Prozess, der bereits vorhandene, organisch gebundene Nährstoffe erst pflanzenverfügbar macht. Organische Dünger liefern deshalb erst Nährstoffe, nachdem Mikroorganismen sie mineralisiert haben – wie unterschiedlich schnell das je nach Material geht, erklärt der Artikel zu [organischen Düngern](/wissen/organische-duenger).
Was ist der 'mikrobielle Kreislauf' (microbial loop)?
Damit ist gemeint, dass Fressfeinde wie Protozoen und Nematoden Bakterien und Pilze fressen und dabei einen Teil der in deren Zellen gebundenen Nährstoffe als pflanzenverfügbare Ionen freisetzen. Dieser Mechanismus ist besonders in der Rhizosphäre, dem unmittelbaren Wurzelumfeld, gut untersucht und kann dort das Wurzelwachstum zusätzlich beeinflussen.
Warum bindet frisches Stroh oder Holz kurzzeitig Stickstoff?
Solches Material hat ein sehr hohes Kohlenstoff-zu-Stickstoff-Verhältnis. Mikroben, die es abbauen, brauchen mehr Stickstoff, als das Material selbst liefert, und entnehmen den Rest vorübergehend dem Substrat. Erst wenn sie absterben oder von Fressfeinden verzehrt werden, wird dieser Stickstoff wieder frei.
Funktioniert der Nährstoffkreislauf auch in Coco oder Hydro?
Nur eingeschränkt. Nährstoffkreisläufe in diesem Sinn setzen eine etablierte Bodenbiologie voraus, wie sie in lebender Erde mit ausreichend organischer Substanz vorkommt. In weitgehend sterilen Systemen wie Hydrokultur fehlt diese Biologie meist, weshalb dort Nährstoffe gezielt als Nährlösung zugeführt werden müssen.
Kann zu viel Mineraldünger den Kreislauf stören?
Ja. Hohe Salzkonzentrationen und der pH-Effekt mancher Mineraldünger können laut NRCS Pilze, Nematoden und Protozoen zurückdrängen, die den Kreislauf tragen. Maßvoll eingesetzt wirkt sich Mineraldünger dagegen kaum negativ aus und kann über zusätzliches Pflanzenwachstum sogar mehr organisches Material für den Kreislauf liefern.
Verwandte Themen
Bodenleben: Die Organismen im Substrat und ihre Funktion für die Wurzeln
Organische Dünger im Cannabis-Anbau: Wie sie wirken und worauf du achten solltest
Feuchtigkeit im lebenden Boden: Wie viel Wasser das Bodenleben braucht
Lebende Erde wiederverwenden: Substrat zwischen Grows richtig auffrischen
Mykorrhiza: Wie die Symbiose zwischen Pilz und Wurzel Cannabis unterstützt
Alle Artikel der Kategorie Living Soil
Aus dem Forum
- Living Soil Rezept für 100 Liter – meine Mischung · 4 Antworten · Living Soil
- Top-Dressing mit Wurmhumus in der Blüte – Erfahrungen? · 2 Antworten · Organischer Anbau
Eigene Frage stellenoder im Forum Living Soil stöbern
Quellen
- Soil Biology and Land Management (Soil Quality Technical Note No. 4) USDA Natural Resources Conservation Service – Soil Quality Institute, 2004Definitionen von Ammonifikation, Nitrifikation und Denitrifikation; C:N-Schwelle von ca. 25–30:1 für Stickstoff-Festlegung; Fressfeinde setzen beim Verzehr von Mikroben Nährstoffe frei; Mutualisten wie Mykorrhiza und stickstofffixierende Bakterien.
- Protozoa and plant growth: the microbial loop in soil revisited Bonkowski – New Phytologist 162, 2004Übersichtsarbeit zum 'microbial loop': Protozoen als Fressfeinde von Rhizobakterien setzen Nährstoffe aus deren Biomasse frei und beeinflussen darüber auch die Wurzelarchitektur.
- Agricultural Management Effects on Earthworm Populations (Soil Quality – Agronomy Technical Note No. 11) USDA Natural Resources Conservation Service – Soil Quality Institute, 2001Regenwürmer zersetzen organisches Material, produzieren an Stickstoff, Phosphor und Kalium reiche Ausscheidungen (Kot) und tragen so zur Nährstofffreisetzung bei.
So entstehen unsere Artikel: Redaktionsrichtlinien und Qualitätsstufen. Fehler gefunden? Schreib es in die Diskussion – wir prüfen jeden Hinweis.
Erfahrung ergänzen
Eigene Erfahrungen, Ergänzungen und Korrekturen zu diesem Artikel sind willkommen.
Anmelden, um den ersten Beitrag zu schreiben.