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Seitentriebe fördern: Was Verzweigung bei Cannabis auslöst

Von Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Seitentriebe bilden sich, sobald die Vorherrschaft der Haupttriebspitze – die Apikaldominanz – geschwächt wird. Das passiert durch Schnitt (Topping, FIM), durch Herunterbinden (Low Stress Training) oder durch mehr Licht an tiefer sitzenden Knospen. Nach dem Entfernen der Spitze setzt die Reaktion überraschend schnell ein: Bereits wenige Stunden später beginnen entfernte Seitenknospen zu wachsen, ausgelöst durch die Umverteilung von Zucker, nicht in erster Linie durch Hormone. Wie stark die Förderung wirkt, hängt zusätzlich von Licht, Nährstoffen und der allgemeinen Vitalität der Pflanze ab.

Inhalt(7 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Auslösender Mechanismus
geschwächte Apikaldominanz nach Schnitt oder Biegengesteuert über Auxin, Cytokinine und Strigolactone
Reaktionsgeschwindigkeit nach Spitzenentfernung
Knospenwachstum messbar innerhalb weniger StundenVersuch an Erbsen: sichtbares Wachstum nach rund 2,5 Stunden, ausgelöst durch Zuckerumverteilung
Lichteinfluss
helles Licht mit hohem Rot-Dunkelrot-Verhältnis begünstigt VerzweigungTomatenstudie; Übertragbarkeit auf Cannabis nicht eigens untersucht
Werkzeuge zur Förderung
Topping, FIM, Low Stress Training, bessere Lichtdurchdringungeinzeln oder kombiniert einsetzbar

Was Seitentriebbildung physiologisch auslöst

Cannabis wächst von Natur aus wenig verzweigt, weil die oberste Triebspitze tiefer liegende Achselknospen – die Knospen in den Blattachseln – in Schach hält. Dieses Prinzip heißt Apikaldominanz. Eine Übersichtsarbeit zur Steuerung der Sprossverzweigung beschreibt, wie ein Zusammenspiel dreier Hormonklassen darüber entscheidet, ob eine Achselknospe ruht oder austreibt: Auxin, das vor allem aus der wachsenden Spitze stammt, sowie Cytokinine und Strigolactone, die die Reaktion der einzelnen Knospe auf dieses Signal mitbestimmen.

Wird die Spitze entfernt oder ihr Wachstum gebremst, ändert sich diese Balance – und zwar schneller, als lange angenommen wurde. Ein Versuch an Erbsen zeigte messbares Wachstum entfernter Seitenknospen bereits rund 2,5 Stunden nach dem Entfernen der Spitze, deutlich bevor sich der Auxingehalt im Stängel überhaupt merklich verändert hatte. Ausschlaggebend war stattdessen die rasche Umverteilung von Zucker, den zuvor vor allem die wachsende Spitze beansprucht hatte. Sobald mehr Zucker für die unteren Knospen verfügbar wird, beginnt dort das Wachstum – Hormone wie Auxin wirken danach vor allem in der weiteren, längerfristigen Steuerung.

Wie Schnitt und Training die Seitentriebbildung anregen

Die gängigen Trainingsmethoden nutzen genau diesen Mechanismus, auf unterschiedliche Weise:

  • Topping entfernt die Spitze vollständig, wodurch meist zwei oder mehr gleichwertige neue Haupttriebe entstehen. Details und Studienlage beschreibt der Artikel zum Topping.

  • FIM entfernt nur einen Teil des jüngsten Gewebes an der Spitze, mit weniger vorhersagbarem, aber oft vervielfachtem Austrieb – erklärt im Artikel zur FIM-Technik.

  • Low Stress Training schwächt die Dominanz, ohne Gewebe zu entfernen: Durch das Herunterbiegen verliert die Spitze einen Teil ihres Wachstumsvorsprungs, wodurch tiefer sitzende Triebe aufholen. Mehr dazu im Artikel zum Low Stress Training.

Alle drei Methoden setzen an derselben Stelle an – der Schwächung der Hauptspitze –, unterscheiden sich aber darin, wie stark und wie vorhersagbar der Effekt ausfällt und wie viel Erholungszeit die Pflanze danach braucht.

Welche Rolle Licht bei der Seitentriebbildung spielt

Schnitt und Training sind nicht die einzigen Hebel. Pflanzen erkennen über das Verhältnis von Rotlicht zu Dunkelrotlicht, ob sie im Schatten anderer Blätter stehen – ein niedriges Verhältnis signalisiert Schattenkonkurrenz. Eine Studie an Tomaten zeigt, dass genau dieses Schattensignal die Seitentriebbildung unterdrückt, vermittelt über einen Anstieg von Auxin in den betroffenen Knospen. Die Untersuchung stammt nicht von Cannabis, das zugrunde liegende Prinzip – dichter Schatten bremst Verzweigung zusätzlich zur Apikaldominanz – gilt aber sehr wahrscheinlich allgemein für Pflanzen mit vergleichbaren Lichtrezeptoren.

Praktisch bedeutet das: Ein Seitentrieb tief im Inneren einer dichten Pflanze bekommt gleich zwei Bremsen zu spüren – die hormonelle Dominanz der Hauptspitze und den Schatten der eigenen Blattmasse. Eine Studie an Cannabis bestätigt den zweiten Teil: Das gezielte Entfernen beschattender Blätter und Äste erhöhte die Lichtdurchdringung ins Innere der Pflanze deutlich. Wer also Seitentriebe fördern will, sollte nicht nur die Hauptspitze im Blick haben, sondern auch dafür sorgen, dass genug Licht überhaupt bei den unteren Knospen ankommt – etwa durch gezielte Entlaubung oder ein flacheres Blätterdach.

Wie viel Förderung sinnvoll ist – und wo die Grenze liegt

Mehr Seitentriebe sind nicht automatisch besser. Ab einem gewissen Punkt beschatten sich viele dicht stehende Triebe gegenseitig, die Luftzirkulation im Bestand verschlechtert sich, und einzelne Blütenstände bleiben trotz zusätzlicher Verzweigung klein und schwach. Zusätzlicher Dünger ist dabei selten die richtige Antwort: Der Auslöser für Verzweigung ist die geschwächte Apikaldominanz in Kombination mit ausreichend Licht, nicht in erster Linie das Nährstoffangebot – eine bereits gut versorgte Pflanze braucht meist keine zusätzliche Düngung, um auf Training zu reagieren.

Zurückhaltung ist außerdem bei Autoflower-Pflanzen angebracht: Ihre kurze, nicht verlängerbare Wachstumsphase lässt wenig Zeit, damit neu geförderte Seitentriebe noch spürbar zur Ernte beitragen. Schonende Methoden wie Low Stress Training gelten hier als verträglicher als ein starker Schnitt, nach dem die Pflanze erst wieder anwachsen muss.

Typische Fehler beim Fördern von Seitentrieben

  • Nur die Hauptspitze bearbeiten, das Licht im Inneren ignorieren. Ohne ausreichend Licht bleiben neu angeregte Seitentriebe trotzdem schwach.

  • Mit Dünger statt mit Schnitt oder Training gegensteuern. Fehlende Verzweigung liegt fast immer an der Apikaldominanz oder am Licht, selten am Nährstoffangebot.

  • Mehrere Eingriffe gleichzeitig vornehmen. Wer am selben Tag toppt, entlaubt und herunterbindet, kann später nicht mehr zuordnen, welcher Schritt welche Reaktion ausgelöst hat.

  • Zu aggressiv bei jungen oder geschwächten Pflanzen vorgehen. Eine Pflanze ohne ausreichend Reserven braucht ihre vorhandene Blattmasse eher zur Erholung als zur weiteren Verzweigung.

  • Verzweigung um jeden Preis anstreben. Ab einem gewissen Punkt sinkt der Nutzen: Ein zu dichter Bestand aus vielen kleinen Trieben liefert oft weniger nutzbare Blütenmasse als ein moderat verzweigter, gut belichteter.

  • Autoflower wie photoperiodische Sorten behandeln. Wegen der kurzen, festen Wachstumsphase bleibt bei Autoflower wenig Zeit, geförderte Seitentriebe noch auszubauen – starke Eingriffe kosten hier relativ mehr Zeit, als sie einbringen.

Häufige Fragen

Fördert Topping zuverlässig mehr Seitentriebe?

Ja, das Prinzip ist gut belegt: Ohne die dominante Hauptspitze treiben die verbleibenden Achselknospen stärker aus. Wie viele zusätzliche Triebe daraus werden und wie kräftig sie wachsen, hängt aber von Sorte, Zeitpunkt und der Vitalität der Pflanze ab. Details zur Technik beschreibt der Artikel zum [Topping](/wissen/topping).

Warum bleiben untere Seitentriebe oft schwach, obwohl ich toppe oder trainiere?

Meist wegen Lichtmangel, nicht wegen fehlender Anlage. Tiefer sitzende Triebe stehen häufig im Schatten der oberen Blattmasse und bekommen deutlich weniger Licht ab. Schnitt oder Biegen setzt zwar die Wachstumsbremse frei, ersetzt aber kein fehlendes Licht am Ort des Triebs.

Braucht es zusätzlichen Dünger, um Seitentriebe zu fördern?

Nicht zwingend. Der Auslöser für mehr Verzweigung ist vor allem die geschwächte Apikaldominanz und ausreichend Licht, nicht in erster Linie zusätzlicher Dünger. Eine bereits gut versorgte Pflanze profitiert stärker von Training und Lichtführung als von noch mehr Nährstoffen.

Wachsen bei Autoflower-Pflanzen nach dem Training auch mehr Seitentriebe?

Grundsätzlich ja, der physiologische Mechanismus ist derselbe. Weil Autoflower-Sorten aber nur eine kurze, nicht verlängerbare Wachstumsphase haben, bleibt weniger Zeit, damit neue Seitentriebe noch nennenswert zur Ernte beitragen. Schonende Methoden wie Low Stress Training gelten hier als verträglicher als starke Schnitte.

Kann zu viel geförderte Verzweigung schaden?

Ja, ein sehr dichter Bestand mit vielen kleinen Seitentrieben beschattet sich selbst und behindert die Luftzirkulation, was Feuchtigkeitsprobleme begünstigt. Ab einem gewissen Punkt bringt zusätzliche Verzweigung eher kleinere, schwächere Blütenstände als mehr nutzbaren Ertrag.

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Quellen

  1. Signal integration in the control of shoot branching Domagalska, Leyser – Nature Reviews Molecular Cell Biology 12, 2011Übersichtsarbeit: Auxin, Cytokinine und Strigolactone steuern gemeinsam, ob und wie stark Achselknospen zu Seitentrieben auswachsen.
  2. Sugar demand, not auxin, is the initial regulator of apical dominance Mason, Ross, Babst, Wienclaw, Beveridge – PNAS 111, 2014Nach dem Entfernen der Spitze begann bei Erbsen das Wachstum entfernter Seitenknospen schon nach rund 2,5 Stunden – ausgelöst durch Zuckerumverteilung, nicht durch eine Auxinänderung.
  3. Far‐red light inhibits lateral bud growth mainly through enhancing apical dominance independently of strigolactone synthesis in tomato Song, Gu, Chen, Qi, Yu, Zhou, Xia – Plant, Cell & Environment 47, 2023Tomatenstudie: ein niedriges Verhältnis von Rot- zu Dunkelrotlicht (Schattensignal) unterdrückte die Seitentriebbildung über Auxin; nicht an Cannabis untersucht.
  4. Shape Matters: Plant Architecture Affects Chemical Uniformity in Large-Size Medical Cannabis Plants Danziger, Bernstein – Plants 10, 2021Zeigt an Cannabis, dass gezieltes Entfernen beschattender Blätter und Äste die Lichtdurchdringung erhöht – eine der Voraussetzungen, unter denen tiefer sitzende Knospen überhaupt kräftig austreiben.

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