Chlor und Chloramin im Gießwasser: Was du wissen musst
Kurz erklärt
Chlor und Chloramin sind Desinfektionsmittel im Trinkwasser. Deutsche Wasserwerke setzen dafür überwiegend auf Chlor, Chlordioxid, Ozon oder UV-Licht; Chloramin, wie es etwa in den USA verbreitet ist, gehört hierzulande nicht zu den zugelassenen Regelverfahren. In den geringen Konzentrationen aus der Leitung beeinträchtigen beide Stoffe Pflanzen und Bodenleben nach vorliegenden Untersuchungen kaum dauerhaft. Riecht das Wasser deutlich nach Chlor, hilft offenes Stehenlassen; Chloramin baut sich dabei kaum ab.
Inhalt(7 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Desinfektionsverfahren in Deutschland
- Chlor, Chlordioxid, Ozon, UV-Bestrahlunglaut DVGW zugelassene Regelverfahren; Chloramin zählt nicht dazu
- US-Grenzwert für Chloramin
- 4 mg/l im Jahresmittel (EPA)gilt in den USA, wo Chloramin verbreitet ist; für Deutschland nicht relevant
- Chlorat/Chlorit im Trinkwasser (TrinkwV)
- 0,070 mg/l bzw. 0,20 mg/lGrenzwerte für Nebenprodukte der Desinfektion am Wasserhahn
- Effekt auf Bodenmikrobiologie
- nach 14 Tagen keine dauerhaften EffekteVersuch mit niedrig konzentriertem Chlorwasser, nicht cannabisspezifisch
Warum Trinkwasser überhaupt desinfiziert wird
Wasserwerke setzen Chlor oder verwandte Stoffe ein, um krankheitserregende Bakterien, Viren und andere Organismen im Wasser abzutöten. Dabei unterscheidet man zwei Schritte: Die Primärdesinfektion reinigt das Wasser im Werk, die Sekundärdesinfektion soll die Qualität auf dem Weg durch die Leitungen bis zum Wasserhahn erhalten. Für Letzteres eignen sich Stoffe, die nicht sofort zerfallen.
Genau hier unterscheiden sich Chlor und Chloramin. Chloramin entsteht, wenn Ammoniak zu Chlor gegeben wird, und wird von Wasserversorgern bevorzugt, weil es sich in Rohrleitungen nicht so schnell abbaut wie freies Chlor – es bleibt länger wirksam, etwa gegen Legionellen in langen Leitungsnetzen. Genau diese Stabilität macht es aber auch schwerer, Chloramin aus Wasser zu entfernen, das du zum Gießen nutzen willst.
Chlor und Chloramin im deutschen Leitungswasser
In Deutschland zählen Chlor beziehungsweise Hypochlorit, Chlordioxid, Ozon und UV-Bestrahlung zu den zugelassenen Desinfektionsverfahren für Trinkwasser. Chloramin taucht in der Übersicht der zugelassenen Verfahren nicht auf – anders als etwa in den USA, wo es nach Angaben der US-Umweltbehörde EPA breit eingesetzt wird und ein eigener Grenzwert von 4 mg/l im Jahresmittel gilt. Für deutsches Leitungswasser ist dieser US-Wert nicht relevant, er zeigt aber, wie unterschiedlich die Praxis je nach Land ist.
Auch wenn Chlor in Deutschland eingesetzt werden darf, heißt das nicht, dass jedes Wasserwerk dauerhaft chlort. Ob und mit welchem Verfahren dein Versorger arbeitet, verrät die jährliche Trinkwasseranalyse, die Wasserwerke veröffentlichen. Auffällig hohe Werte für Chlorat, Chlorit oder Trihalogenmethane – Nebenprodukte, für die die Trinkwasserverordnung eigene Grenzwerte von 0,070 mg/l, 0,20 mg/l beziehungsweise 0,050 mg/l festlegt – sind ein indirekter Hinweis auf eine Chlorung. Wie du eine solche Analyse Schritt für Schritt auswertest, zeigt der Artikel Wasseranalyse lesen.
Wirkung auf Pflanzen und Bodenleben
Für Cannabis speziell gibt es keine Studien zu Chlor oder Chloramin im Gießwasser. Übertragbar sind aber Untersuchungen zu Boden-Pflanzen-Systemen allgemein: Eine Metagenomik-Studie behandelte Böden 14 Tage durchgehend mit niedrig konzentriertem Chlorwasser, wie es zur täglichen Desinfektion typisch ist, und untersuchte anschließend die mikrobielle Gemeinschaft in Rhizosphäre und umgebendem Boden per Gensequenzierung. Ergebnis: Weder die Vielfalt noch die Zusammensetzung der Mikroorganismen veränderten sich dauerhaft; einzelne Stoffwechselfunktionen reagierten kurzzeitig, erholten sich aber innerhalb der Versuchszeit.
Das spricht dafür, dass haushaltsübliche Chlorkonzentrationen aus der Leitung für Living Soil oder Mykorrhiza-Präparate kein grundsätzliches Risiko darstellen. Eine Garantie ist das nicht: Die Studie prüfte nur eine bestimmte Konzentration und Dauer, keine Cannabis-Wurzeln, und sagt nichts über deutlich höhere Dosen oder empfindliche Einzelfälle aus. Wer ohnehin mit lebendigem Boden oder Mikroorganismenpräparaten arbeitet, kann Restrisiken durch Stehenlassen oder Filtern weiter senken, muss es aber laut aktueller Datenlage nicht zwingend tun.
Was du konkret tun kannst
Erst prüfen, dann handeln. Die Trinkwasseranalyse deines Versorgers zeigt, welches Verfahren eingesetzt wird. Ohne Chlorgeruch oder auffällige Werte ist meist keine Maßnahme nötig.
Bei Chlorgeruch offen stehen lassen. Freies Chlor ist reaktionsfreudig und baut sich in offenem, stehendem Wasser mit der Zeit ab. Eine feste Zeitangabe in Stunden lässt sich daraus nicht seriös ableiten, weil Menge, Temperatur und Luftkontakt den Verlauf verändern.
Bei Chloramin nicht auf Stehenlassen setzen. Da Chloramin gerade wegen seiner Stabilität gewählt wird, hilft offenes Stehenlassen kaum. In Deutschland ist dieser Fall selten, weil Chloramin kein zugelassenes Regelverfahren ist.
Aktivkohlefilter als Alternative. Für Wasser aus Regionen mit anderer Praxis oder bei Unsicherheit ist ein Aktivkohlefilter eine gängige Lösung, um Chlorverbindungen zu binden, bevor das Wasser zur Nährlösung wird.
Regen- oder Osmosewasser als Ausweg. Wer Chlor und Chloramin ganz vermeiden will, kann auf Regenwasser oder Osmosewasser umsteigen – beide bringen dafür eigene Anforderungen an Lagerung beziehungsweise Nährstoffzusatz mit.
Typische Fehler und Verwechslungen
Chlor und Chlorid gleichsetzen. Chlor und Chloramin sind reaktive Desinfektionsmittel, die im Wasser rasch zu Chlorid reagieren. Chlorid ist ein stabiles Ion und in kleinen Mengen sogar ein Pflanzennährstoff; erst in größeren Mengen wird es problematisch, wie der Artikel Chlorid als Pflanzennährstoff beschreibt. Ein Wasseranalysewert für Chlorid sagt deshalb nichts über eine laufende Desinfektion aus.
US-Erfahrungsberichte unbesehen übertragen. Viele englischsprachige Anleitungen gehen von Chloramin im Leitungswasser aus, weil das in Teilen der USA üblich ist. In Deutschland ist das die Ausnahme; wer hierzulande vorsorglich gegen Chloramin filtert, behandelt oft ein Problem, das gar nicht vorliegt.
Jede Wachstumsstörung auf Chlor schieben. Hängende oder blasse Blätter haben weit häufiger andere Ursachen wie falsches Gießverhalten, pH- oder EC-Probleme. Chlor als Ursache ist bei normalem Leitungswasser unwahrscheinlich und sollte erst nach Ausschluss der häufigeren Fehlerquellen in Betracht gezogen werden.
Stehenlassen als Allheilmittel behandeln. Es wirkt ausschließlich gegen freies Chlor, nicht gegen Chloramin, und ersetzt keine Prüfung der tatsächlichen Wasserqualität über die Trinkwasseranalyse.
Häufige Fragen
Muss ich Leitungswasser vor dem Gießen behandeln?
In den meisten deutschen Haushalten nicht. Chloramin ist hierzulande kein Regelverfahren, und die Chlormengen, die Wasserwerke zur Desinfektion einsetzen, liegen weit unter Konzentrationen, die in Studien Bodenmikroorganismen dauerhaft schädigten. Auffällig ist höchstens ein kurzzeitiger Chlorgeruch, etwa nach Wartungsarbeiten im Netz.
Wie finde ich heraus, ob mein Wasser Chlor oder Chloramin enthält?
Dein Wasserversorger veröffentlicht dazu eine Trinkwasseranalyse, meist jährlich und online abrufbar. Dort stehen die eingesetzten Aufbereitungsverfahren und oft auch Werte für Chlorat, Chlorit oder Trihalogenmethane als Hinweis auf eine Chlorung. Wie du diese Analyse Punkt für Punkt liest, erklärt der Artikel [Wasseranalyse lesen](/wissen/wasseranalyse-lesen).
Schadet Chlor den Mikroorganismen im Substrat oder in Living Soil?
Bei haushaltsüblichen Konzentrationen kaum. Eine Metagenomik-Studie fand nach 14 Tagen durchgehender Behandlung mit niedrig dosiertem Chlorwasser keine bleibenden Veränderungen der mikrobiellen Vielfalt in Rhizosphäre und Boden. Für Cannabis oder für dauerhaft sehr hohe Chlorgaben liegen keine eigenen Daten vor, daher gilt das als Anhaltspunkt, nicht als Garantie.
Hilft es, Gießwasser offen stehen zu lassen?
Das verringert freies Chlor, weil es sich als reaktionsfreudiger Stoff mit der Zeit abbaut – wie schnell, hängt von Wassermenge, Temperatur und Luftkontakt ab und ist nicht exakt in Stunden zu beziffern. Bei Chloramin bringt Stehenlassen kaum etwas: Es wird von Wasserwerken gerade wegen seiner Stabilität eingesetzt und baut sich in Leitungen nur langsam ab.
Was ist der Unterschied zwischen Chlor und Chlorid?
Chlor und Chloramin sind reaktionsfreudige Desinfektionsmittel, die im Wasser rasch zu Chlorid reagieren. Chlorid selbst ist ein stabiles Salz-Ion, das auch als Pflanzennährstoff vorkommt und in höheren Mengen Blattränder schädigen kann. Mehr dazu im Artikel [Chlorid als Pflanzennährstoff](/wissen/chlorid-als-pflanzennaehrstoff).
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Quellen
- Basic Information about Chloramines US Environmental Protection Agency, 2009Definition von Chloramin, Zweck der längeren Stabilität in Leitungen, US-Grenzwert 4 ppm im Jahresmittel.
- Basic Information about Drinking Water Disinfection US Environmental Protection Agency, 2009Unterschied zwischen primärer und sekundärer Desinfektion; Chloramin als länger wirksames Verfahren im Verteilnetz.
- Desinfektionsmittel DVGW – Deutscher Verein des Gas- und WasserfachesÜbersicht der in Deutschland zugelassenen Desinfektionsverfahren für Trinkwasser: Chlor, Hypochlorit, Chlordioxid, Ozon, UV; Chloramin wird nicht genannt.
- Anlage 2 TrinkwV – Chemische Parameter Trinkwasserverordnung (TrinkwV) 2023, gesetze-im-internet.de, 2023Grenzwerte für Desinfektionsnebenprodukte: Chlorat 0,070 mg/l, Chlorit 0,20 mg/l, Trihalogenmethane 0,050 mg/l.
- Assessment of residual chlorine in soil microbial community using metagenomics Yu, Zhang, Zhang, Xu, Li, Jin, Feng, Qian, Lu – Soil Ecology Letters 5, 202214 Tage niedrig konzentriertes Chlorwasser auf Boden-Pflanzen-Systeme: keine dauerhaften Effekte auf mikrobielle Vielfalt, Zusammensetzung oder Funktion in Rhizosphäre und Boden.
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