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Chlorid als Pflanzennährstoff: selten Mangel, häufiger Überschuss

Von Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Chlorid ist ein essenzieller Mikronährstoff, den Cannabis für die Regulierung des Zellturgors braucht, unter anderem in den Schließzellen, die die Spaltöffnungen der Blätter steuern. Weil Chlorid in Leitungswasser, Regenwasser, Luft und den meisten Düngern reichlich vorhanden ist, kommt ein echter Mangel in der Praxis so gut wie nie vor. Relevanter ist ein Überschuss: Chloridreiches oder enthärtetes Wasser kann sich in älteren Blättern anreichern und dort zu Verbrennungen an Spitzen und Rändern führen.

Inhalt(6 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Funktion
Osmoregulation und Zellturgorunter anderem in den Schließzellen der Spaltöffnungen
Historische Einordnung
lange als unerwünschtes Salz behandeltheute als nützlicher Makro-/Mikronährstoff anerkannt
Mangel in der Praxis
so gut wie nieChlorid ist in Wasser, Luft und Düngern meist reichlich vorhanden
Regionale Ausnahme
sehr sandige, niederschlagsreiche Böden ohne Chloridzufuhr
Überschussrisiko
praktisch relevanter als Mangelvor allem durch chloridreiches oder enthärtetes Wasser

Wofür Cannabis Chlorid braucht

Chlorid ist ein essenzieller Mikronährstoff, auch wenn die Pflanze davon vergleichsweise mehr braucht als von den meisten anderen Spurenelementen. Seine wichtigste Rolle spielt Chlorid bei der Osmoregulation: Es hilft, den Wasserdruck in Zellen – den Turgor – zu steuern, unter anderem in den Schließzellen, die über Öffnen und Schließen der Spaltöffnungen den Gasaustausch und die Wasserabgabe der Blätter regulieren.

Lange wurde Chlorid in der Pflanzenphysiologie vor allem als lästiges Salz betrachtet, das Pflanzen mehr oder weniger zufällig zusammen mit Nitrat aufnehmen und das bei hohen Konzentrationen schädlich wird. Neuere Übersichtsarbeiten zeichnen ein differenzierteres Bild: In moderater Menge zugeführtes Chlorid kann Biomassebildung, Blattausdehnung und die Effizienz der Wasser- und Stickstoffnutzung verbessern. In einem Versuch mit Tabak steigerte eine geringe zusätzliche Chloridgabe sogar gezielt die Wassernutzungseffizienz. Chlorid gilt deshalb heute als anerkannter, nützlicher Nährstoff und nicht mehr nur als notwendiges Übel.

Daneben ist Chlorid an der elektrischen Signalübertragung in Pflanzen beteiligt: Es trägt zu Aktionspotentialen bei, mit denen manche Pflanzen schnell auf Reize reagieren, und spielt auch bei den Ionenströmen an wachsenden Pollenschläuchen eine Rolle. Für den praktischen Anbau sind diese Mechanismen weniger relevant als die Osmoregulation, zeigen aber, wie vielseitig ein auf den ersten Blick unscheinbares Ion sein kann.

Warum echter Chloridmangel praktisch nicht vorkommt

In der landwirtschaftlichen Praxis ist ein diagnostizierter Chloridmangel eine große Ausnahme. Der Grund liegt in seiner Verbreitung: Chlorid ist in Leitungswasser, Regenwasser, den meisten mineralischen und vielen organischen Düngern sowie selbst in geringer Menge in der Luft enthalten. Eine Extension-Übersicht zur Mikronährstoffversorgung nennt Chlorid entsprechend als in den meisten Böden reichlich vorhanden; nennenswerte Mangelfälle wurden bislang fast ausschließlich auf sehr sandigen, stark ausgewaschenen Böden mit hohen Niederschlagsmengen weit im Landesinneren beschrieben – eine Kombination, die für Indoor- oder Outdoor-Grows in Mitteleuropa kaum zutrifft.

Sollte doch einmal ein Mangel auftreten, beschreibt die Fachliteratur allgemeine Symptome wie welkende Blätter, die sich vor allem an den Rändern einrollen, sowie eine bronzefarbene Verfärbung und Chlorose, bevor die Blätter absterben. Für den privaten Eigenanbau bleibt das jedoch ein theoretisches Szenario, solange normales Leitungswasser oder ein vollständiger Dünger verwendet wird.

Wenn zu viel Chlorid zum Problem wird

Praktisch relevanter als ein Mangel ist ein Chlorid-Überschuss. Weil Chlorid über den Transpirationsstrom ungehindert mit dem Wasser in die Blätter transportiert wird und sich dort anreichert, zeigen sich die ersten Schäden an den Stellen mit der höchsten Verdunstung: den Spitzen und Rändern älterer, unterer Blätter. Mit anhaltend hoher Zufuhr breitet sich die Verbrennung von der Spitze entlang der Ränder weiter nach innen aus, bis ganze Blätter betroffen sind.

Die häufigste Ursache ist chloridreiches Ausgangswasser, etwa aus bestimmten Brunnen oder Regionen mit mineralreichem Leitungswasser. Ein oft übersehener zweiter Faktor sind klassische Wasserenthärtungsanlagen: Sie tauschen Calcium und Magnesium gegen Natrium aus, das in der Regel als Natriumchlorid zugeführt wird, und erhöhen damit den Chlorid- und Natriumgehalt im Wasser, statt ihn zu senken. Zusätzlich konkurriert Chlorid in hoher Konzentration mit der Aufnahme von Nitrat, sodass ein Überschuss indirekt auch die Stickstoffversorgung beeinträchtigen kann; wie stark sich beide Ionen gegenseitig beeinflussen, hängt von Sorte und Umweltbedingungen ab.

Wie empfindlich einzelne Pflanzen auf überschüssiges Chlorid reagieren, ist von Art zu Art unterschiedlich, und für Cannabis liegen keine systematisch ermittelten Schwellenwerte vor. Als Faustregel gilt deshalb, die Chlorid- und Natriumwerte des eigenen Gießwassers im Zweifel testen zu lassen, statt sich auf Erfahrungswerte aus anderen Kulturen zu verlassen.

Typische Fehler und Verwechslungen

Ein verbreiteter Irrtum ist, verbrannte Blattspitzen und -ränder an älteren, unteren Blättern reflexartig als klassische Überdüngung durch einen zu hohen EC-Wert der Nährlösung zu werten, ohne die Zusammensetzung des verwendeten Gießwassers überhaupt zu berücksichtigen. Beide Ursachen können ähnlich aussehen, erfordern aber unterschiedliche Gegenmaßnahmen: Bei hohem EC hilft Verdünnen der Nährlösung, bei chloridreichem Wasser hilft das nur begrenzt, weil die Quelle im Wasser selbst liegt und nicht im Dünger.

Ebenso häufig ist die Annahme, enthärtetes Wasser sei automatisch die bessere Wahl, weil „Kalk raus“ ist – dabei wird oft übersehen, dass dafür Natrium und Chlorid hinzukommen. Wer unklare Randverbrennungen an älteren Blättern beobachtet, sollte deshalb die Wasserquelle prüfen, bevor er weiter am Dünger schraubt; Grundlagen dazu liefert der Artikel zu Leitungswasser. Ein dritter, seltenerer Fehler ist, Chlorid mit dem zur Wasserdesinfektion genutzten Chlor zu verwechseln – beide Themen werden im Artikel Chlor und Chloramin getrennt behandelt. Einen Überblick über weitere Mikronährstoffe bietet die Kategorie Mikronährstoffe.

Häufige Fragen

Muss ich Cannabis zusätzlich mit Chlorid düngen?

In aller Regel nicht. Chlorid ist in Leitungswasser, Regenwasser, den meisten mineralischen Düngern und selbst in der Luft so reichlich vorhanden, dass eine zusätzliche Gabe fast nie nötig ist. Eine gezielte Chlorid-Unterversorgung wurde bislang nur unter besonderen Bedingungen beschrieben, etwa auf sehr sandigen, niederschlagsreichen Böden weitab vom Meer.

Ist Chlorid dasselbe wie das Chlor im Leitungswasser?

Nein, das sind zwei verschiedene Themen. Chlorid ist das stabile, geladene Ion, das als Pflanzennährstoff dient und in normalem Trinkwasser natürlich vorkommt. Das zur Desinfektion zugesetzte Chlor beziehungsweise Chloramin ist chemisch reaktiver und betrifft eher Mikroorganismen im Wurzelraum als die Nährstoffversorgung; mehr dazu im Artikel zu Chlor und Chloramin.

Woran erkenne ich einen Chloridüberschuss?

Typisch ist eine Verbrennung an den Spitzen und Rändern älterer, unterer Blätter, die sich bei anhaltender Zufuhr nach innen ausbreitet. Der Grund: Chlorid wird mit dem Transpirationsstrom in die Blätter transportiert und reichert sich dort an, wo am meisten Wasser verdunstet – also zuerst an den Rändern der am längsten aktiven, älteren Blätter.

Warum wurde Chlorid früher als schädlich für Pflanzen angesehen?

Weil es lange vor allem im Zusammenhang mit Versalzung und mit hohen, tatsächlich schädlichen Konzentrationen untersucht wurde. Neuere Arbeiten zeigen, dass moderate Chloridmengen die Blattausdehnung, die Wassernutzungseffizienz und teils auch die Stickstoffnutzung verbessern können – der Nährstoff wurde vom vermeintlichen Störfaktor zum anerkannten nützlichen Makronährstoff.

Ist enthärtetes Wasser für Cannabis eine gute Idee?

Nicht ohne Weiteres. Klassische Enthärtungsanlagen tauschen Calcium und Magnesium gegen Natrium aus, das häufig als Natriumchlorid zugeführt wird. Dadurch kann der Chlorid- und Natriumgehalt im Gießwasser steigen, statt zu sinken. Für den Grow ist unbehandeltes oder per Umkehrosmose aufbereitetes Wasser in der Regel die verlässlichere Wahl; mehr dazu im Artikel zu Leitungswasser.

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Quellen

  1. Chloride as a Beneficial Macronutrient in Higher Plants: New Roles and Regulation Colmenero-Flores, Franco-Navarro, Cubero-Font, Peinado-Torrubia, Rosales – International Journal of Molecular Sciences 20, 2019Beschreibt den Wandel von Chlorid vom vermeintlich schädlichen, zufällig aufgenommenen Ion zum anerkannten Makronährstoff, der Biomasse, Blattausdehnung sowie Wasser- und Stickstoffnutzungseffizienz verbessern kann; Antagonismus mit Nitrat und Toxizität bei hoher Konzentration werden benannt.
  2. Chloride: essential micronutrient and multifunctional beneficial ion Raven – Journal of Experimental Botany 68, 2016Übersicht zur Rolle von Chlorid bei der Regulierung von Zellturgor und -volumen, unter anderem bei Spaltöffnungsbewegungen, sowie zu einer bei geringer Zusatzgabe verbesserten Wassernutzungseffizienz von Tabak.
  3. Boron (B) and Chlorine (Cl) for Citrus Trees Zekri, Obreza – University of Florida IFAS Extension, SL406/SS619, 2014Beschreibung von Chloridmangel (Welken, Einrollen und Bronzieren der Blattränder) und Chlorid-Überschuss aus Bewässerungswasser (Verbrennung von Blattspitze und -rand, fortschreitend nach innen).
  4. Micronutrients in Mississippi Soils and Plant Nutrition Oldham, Jones – Mississippi State University Extension Service, P3726, 2021Chlorid ist in den meisten Böden reichlich vorhanden; Mangel wurde nur regional beschrieben, etwa auf sandigen Böden mit hohen Niederschlägen im Landesinneren.

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