Transpiration bei Cannabis: Wie die Pflanze Wasser verdunstet
Kurz erklärt
Transpiration ist die Wasserabgabe der Pflanze als Wasserdampf, die zum weit überwiegenden Teil über die Stomata – die Spaltöffnungen der Blätter – erfolgt, ein kleinerer Teil über die Blattoberfläche selbst. Angetrieben wird sie vom Dampfdruckunterschied zwischen Blattinnerem und Umgebungsluft; zwei Schließzellen regulieren dabei die Öffnungsweite jeder Stoma und reagieren auf Licht, CO2-Konzentration und den Wasserstatus der Pflanze. Transpiration kühlt das Blatt und treibt zugleich den Wassertransport von der Wurzel bis ins Blatt an.
Inhalt(7 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Hauptweg des Wasserverlusts
- weit überwiegend über die Stomatakleinerer Anteil verdunstet über die Cuticula der Blattoberfläche
- Antrieb
- Dampfdruckdefizit (VPD) zwischen Blatt und Luft
- Steuerzentrale
- Schließzellen, reguliert u. a. durch Licht, CO2 und Abscisinsäure (ABA)
- Doppelfunktion
- Blattkühlung und Antrieb des Xylemtransports
Was Transpiration ist und wie viel Wasser dabei verdunstet
Transpiration ist die Abgabe von Wasser in Form von Wasserdampf über die oberirdischen Pflanzenteile, vor allem über die Blätter. Den weitaus größten Anteil gibt die Pflanze dabei über die Stomata ab, die mikroskopisch kleinen Spaltöffnungen in der Blattoberfläche; ein kleinerer Teil verdunstet direkt durch die wachsartige Cuticula, die wasserabweisende Wachsschicht der Blattoberfläche. Von der insgesamt aufgenommenen Wassermenge verbraucht die Pflanze dabei nur einen kleinen Teil für Wachstum und Stoffwechsel, der Großteil verdunstet ungenutzt in die Umgebungsluft.
Wie viel Wasser eine Pflanze über Transpiration verliert, hängt von Blattfläche, Umgebungsklima und Wachstumsphase ab und lässt sich nicht auf einen einzelnen Richtwert festlegen. In der Praxis zeigt sich der Effekt trotzdem deutlich: In einem gut durchlüfteten Zelt mit vielen großen Blättern steigt die Luftfeuchtigkeit sichtbar an, sobald das Licht angeht und die Stomata sich öffnen.
Stomata: die Ventile der Transpiration
Stomata (Einzahl: Stoma) sind die Spaltöffnungen in der Blattoberfläche, über die eine Pflanze Wasserdampf abgibt und gleichzeitig CO2 für die Photosynthese aufnimmt. Jede Stoma wird von zwei Schließzellen begrenzt, die ihre Form und damit die Öffnungsweite aktiv verändern: Nehmen sie durch einen erhöhten Innendruck (Turgor) eine gekrümmte Form an, öffnet sich der Spalt dazwischen; verlieren sie Turgor, schließt er sich.
Diese Schließzellen reagieren auf ein Netzwerk von Signalen. Eine Übersichtsarbeit zur Signalverarbeitung in Schließzellen beschreibt, wie vor allem die CO2-Konzentration und das Pflanzenhormon Abscisinsäure (ABA) über Ionenkanäle und Calcium-Signale die Öffnungsweite steuern: Steigt der ABA-Spiegel bei Wassermangel, schließen sich die Stomata, um weiteren Wasserverlust zu begrenzen; sinkt die CO2-Konzentration im Blattinneren, etwa bei viel Licht und aktiver Photosynthese, öffnen sie sich tendenziell weiter. Licht wirkt zusätzlich direkt über eigene Rezeptoren in den Schließzellen und ist der Grund, warum Stomata bei Dunkelheit weitgehend schließen.
Was die Transpiration antreibt und wie sie reguliert wird
Angetrieben wird Transpiration durch ein Dampfdruckgefälle: Die Luft im Blattinneren ist nahezu wasserdampfgesättigt, die Umgebungsluft üblicherweise trockener. Dieser Unterschied, als Dampfdruckdefizit bezeichnet, bestimmt zusammen mit der Öffnungsweite der Stomata, wie viel Wasser pro Zeiteinheit verdunstet. Je trockener und wärmer die Luft bei gleicher Blatttemperatur, desto größer das Gefälle und desto stärker die Transpiration, bis die Pflanze mit dem Schließen der Stomata gegensteuert.
Diese Gegensteuerung folgt nicht nur der Luftfeuchtigkeit, sondern auch dem Wasserstatus der Pflanze selbst. Eine Übersichtsarbeit zur stomatären Wasserregulation beschreibt ein lokales Rückkopplungssystem, bei dem die Schließzellen auf den Wasserzustand ihrer unmittelbaren Umgebung reagieren – ein Mechanismus, der unter anderem erklärt, warum Stomata teils schon auf sinkenden Wasserdruck im Xylem reagieren, bevor ein messbarer Wassermangel im Blatt selbst spürbar wird. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zu Cannabis unter Trockenstress bestätigt dieses Muster für die Art: Sinkt die Wasserverfügbarkeit im Substrat, senkt die Pflanze ABA-vermittelt ihre stomatäre Leitfähigkeit, begrenzt so den Wasserverlust und erholt sich nach dem Wiedergießen vergleichsweise schnell.
Warum Transpiration für die Pflanze notwendig ist
Transpiration ist kein reiner Verlust, sondern erfüllt mehrere Funktionen zugleich. Sie kühlt das Blatt, weil verdunstendes Wasser Energie in Form von Verdunstungswärme entzieht. Außerdem ist sie die treibende Kraft für den Wassertransport im Xylem: Der Sog, den die Verdunstung an den Blättern erzeugt, zieht Wasser von der Wurzel bis in die obersten Blätter.
Mit diesem Wasserstrom transportiert die Pflanze auch gelöste Nährstoffe. Für Calcium ist dieser Zusammenhang besonders gut untersucht: Weil Calcium in Pflanzengewebe kaum wieder verlagert wird, sammelt es sich vor allem dort an, wo viel Wasser verdunstet. Gewebe mit geringer Transpiration, etwa junge Blätter im Neuaustrieb, erhalten dadurch tendenziell weniger Calcium – ein Mitgrund für die charakteristischen Mangelsymptome an jungem Gewebe, die der Artikel zu mobilen und immobilen Nährstoffen beschreibt.
Typische Fehler und Missverständnisse
Transpiration und Photosynthese gleichsetzen. Beide Prozesse laufen über dieselben Stomata, sind aber unterschiedliche Vorgänge: Photosynthese baut mithilfe von Licht und CO2 Zucker auf, Transpiration ist reiner Wasserverlust als Nebeneffekt geöffneter Stomata.
Sehr hohe Luftfeuchtigkeit generell als besser ansehen. Zu wenig Transpiration durch dauerhaft hohe Luftfeuchtigkeit kann den Nährstofftransport in schwach transpirierende Blattbereiche einschränken und begünstigt zusätzlich Pilzbefall.
Welke Blätter sofort als Wassermangel im Substrat deuten. Welke Blätter bei intaktem, feuchtem Substrat sprechen eher dafür, dass Transpiration und Wassernachschub aus der Wurzel kurzzeitig nicht im Gleichgewicht sind, etwa bei Hitze.
Stomata als starr offen oder geschlossen verstehen. Die Öffnungsweite wird laufend nachjustiert und reagiert auf mehrere Signale gleichzeitig, nicht nach einem einfachen Ein-Aus-Schema.
Hohe Transpiration mit schnellerem Wachstum verwechseln. Eine Pflanze mit hoher Transpiration wächst nicht automatisch schneller; entscheidend für Wachstum ist die Photosynthese, nicht die verdunstete Wassermenge.
Häufige Fragen
Was sind Stomata genau?
Stomata sind mikroskopisch kleine Spaltöffnungen in der Blattoberfläche, über die eine Pflanze Wasserdampf abgibt und Kohlendioxid aufnimmt. Zwei Schließzellen begrenzen jede Öffnung und passen durch Veränderung ihres Innendrucks aktiv die Spaltweite an, gesteuert unter anderem durch Licht, die CO2-Konzentration und das Pflanzenhormon Abscisinsäure. Bei den meisten Landpflanzen sitzen deutlich mehr Stomata auf der Blattunterseite als auf der Oberseite.
Wie hängen Transpiration und VPD zusammen?
Das Dampfdruckdefizit (VPD) beschreibt den Unterschied im Wasserdampfgehalt zwischen der Luft im Blattinneren und der Umgebungsluft und ist der wichtigste Antrieb der Transpiration. Je höher das VPD, desto stärker der Sog nach außen, bis die Pflanze mit dem Schließen der Stomata gegensteuert. Wie du das VPD im Grow praktisch einordnest, erklärt der verlinkte Artikel dazu.
Was passiert, wenn die Transpiration zu gering ist?
Bei dauerhaft sehr hoher Luftfeuchtigkeit bleiben die Stomata eher geschlossen, wodurch weniger Wasser und damit auch weniger darin gelöste Nährstoffe wie Calcium in schwach transpirierende Gewebe wie junge Blätter gelangen. Gleichzeitig begünstigt stehende, feuchte Luft Pilzbefall. Ausreichende Luftbewegung und ein passendes VPD wirken dem entgegen.
Kann zu starke Transpiration der Pflanze schaden?
Ja, wenn die Wurzel den Wasserverlust nicht schnell genug ausgleichen kann. Bei Hitze und trockener Luft steigt die Transpiration stark an; kann die Pflanze nicht genug Wasser nachliefern, welken die Blätter trotz feuchtem Substrat. Mehr dazu erklärt der Artikel zu Hitzestress.
Verdunstet eine Pflanze auch nachts Wasser?
In der Dunkelheit schließen sich die Stomata bei den meisten Pflanzen weitgehend, weil ihnen ein wichtiger Öffnungsreiz fehlt, wodurch die Transpiration stark zurückgeht. Über die Cuticula verdunstet aber weiterhin eine kleine Menge Wasser, sodass die Transpiration nie vollständig auf null sinkt.
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Quellen
- Guard Cell Signal Transduction Network: Advances in Understanding Abscisic Acid, CO2, and Ca2+ Signaling Kim, Böhmer, Hu, Nishimura, Schroeder – Annual Review of Plant Biology 61, 2010Übersichtsarbeit zur Signalverarbeitung in Schließzellen: Wie ABA, CO2 und Calcium-Signale die Stomata-Öffnung steuern.
- The control of stomata by water balance Buckley – New Phytologist 168, 2005Tansley-Review zur stomatären Wasserregulation: lokale Rückkopplung der Schließzellen auf den Wasserstatus des Blatts.
- Drought stress in Cannabis sativa L.: current knowledge, research gaps, and future perspectives – a review Delpasand Khabbazi, Park, Ryu, Da Cunha Leme Filho, Yılmaz, Delpasand Khabbazi, Singh, Teotia – Frontiers in Plant Science, 2026Cannabis-spezifische Übersicht: ABA-vermittelte Reduktion der stomatären Leitfähigkeit unter Trockenstress und rasche Erholung nach dem Gießen.
- Calcium delivery and storage in plant leaves: exploring the link with water flow Gilliham, Dayod, Hocking, Xu, Conn, Kaiser, Leigh, Tyerman – Journal of Experimental Botany 62, 2011Zeigt den engen Zusammenhang zwischen Transpiration und Calcium-Verteilung: stark transpirierende Gewebe reichern mehr Calcium an als schwach transpirierende.
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