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Far-Red: Wie wirkt Licht jenseits von 700 nm auf Cannabis?

Von Aktualisiert am 3 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Far-Red bezeichnet Licht von etwa 700 bis 750 nm, direkt jenseits des klassischen PAR-Bereichs. Über Phytochrome liest die Pflanze das Verhältnis von Rot zu Far-Red und erkennt daran Schatten durch Nachbarpflanzen; die Folge ist Streckungswachstum. Gleichzeitig treibt Far-Red zusammen mit kürzeren Wellenlängen die Photosynthese des Blätterdachs an. Bei Cannabis verändert zusätzliches Far-Red Höhe, Ertrag und teils Cannabinoid- oder Terpengehalt – die Effekte hängen stark von Dosis, Zeitpunkt und Sorte ab.

Inhalt(6 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Wellenlängenbereich
ca. 700–750 nmdirekt jenseits des klassischen PAR-Bereichs (400–700 nm)
Wahrnehmung
über Phytochrome, anhand des Rot-zu-Far-Red-Verhältnisses (R:FR)
Rolle bei der Photosynthese
wirksam nur zusammen mit kürzeren Wellenlängeneinzeln kaum, im Verbund mit PAR-Photonen messbar
Typischer Effekt
mehr Streckung, größere WuchshöheStärke ist sorten- und dosisabhängig
End-of-Day-Far-Red
kurzer FR-Puls am Ende der Lichtphasein einer Studie sortenabhängig mehr Cannabinoide oder mehr Ertrag, bei Überdosierung Ertragsverlust

Was Far-Red ist und wie Cannabis es wahrnimmt

Far-Red (auch Dunkelrot) bezeichnet Licht von etwa 700 bis 750 nm, direkt jenseits des klassischen PAR-Bereichs von 400 bis 700 nm. Für das menschliche Auge ist es gerade noch als sehr dunkles Rot erkennbar; danach beginnt die Infrarotstrahlung, die als Wärme, nicht als Licht wahrgenommen wird.

Pflanzen besitzen mit den Phytochromen eigene Sensoren für dieses Licht. Ein Phytochrommolekül wechselt je nach absorbierter Wellenlänge zwischen zwei Zuständen: Rotes Licht schaltet es in die aktive Form, Far-Red schaltet es wieder zurück. Weil grüne Blätter rotes Licht stark absorbieren und Far-Red dagegen kaum, sinkt das Verhältnis von Rot zu Far-Red (R:FR-Verhältnis) im Schatten oder in der Nähe anderer Blätter deutlich ab. Die Pflanze liest daran ab, ob und wie stark sie beschattet wird – ganz ohne das Licht direkt zu „sehen“.

Diese Wahrnehmung ist nicht auf Modellpflanzen beschränkt: Eine Übersichtsarbeit zu Cannabis-Photobiologie bestätigt, dass Lichtspektrum und -strategie über Photorezeptoren gezielt Wuchsform, Blühverhalten und die Bildung sekundärer Inhaltsstoffe beeinflussen können. Far-Red ist dabei eines der am besten untersuchten Signale.

Far-Red als Schattensignal: Streckung und Wuchsform

Ein niedriges R:FR-Verhältnis meldet der Pflanze „hier wird es eng“ – die typische Reaktion ist Schattenvermeidung: längere Stängel und Blattstiele, aufgerichtete Blätter und tendenziell frühere Blüte. Eine grundlegende Übersichtsarbeit zur Schattenvermeidung beschreibt, wie Phytochrome und Cryptochrome dieses Nachbarschaftslicht erkennen und darüber Wachstumshormone wie Auxin steuern, was zu genau diesen Formveränderungen führt. Der Mechanismus ist derselbe, der auch beim Vergeilen von Sämlingen eine Rolle spielt, dort allerdings ausgelöst durch echten Lichtmangel statt durch ein Far-Red-Signal.

Bei Cannabis zeigt sich das sehr konkret: In Versuchen mit unterschiedlichen R:FR-Verhältnissen wurden die Pflanzen bei mehr Far-Red durchweg höher. Wie sich das auf Ertrag und Inhaltsstoffe auswirkt, war in mehreren Studien derselben Arbeitsgruppe jedoch nicht einheitlich – in einem Versuch sank der Blütenertrag mit sinkendem R:FR-Verhältnis, in einem späteren stieg der Ertrag der Haupttriebspitze, während Terpen- und Cannabinoidkonzentrationen zurückgingen. Mehr Far-Red ist also kein Wachstumsbonus ohne Kompromisse, sondern verschiebt Ressourcen und Form in eine bestimmte Richtung.

Far-Red gezielt einsetzen: photosynthetischer Nutzen und End-of-Day-Anwendung

Far-Red hat neben der Signalwirkung noch eine zweite Rolle: Es liefert Energie für die Photosynthese, allerdings fast nur im Zusammenspiel mit kürzeren Wellenlängen. Forschende der Utah State University zeigten, dass Far-Red-Photonen die Photosynthese des gesamten Blätterdachs zusammen mit klassischem PAR-Licht genauso effizient antreiben wie PAR-Photonen allein – einzeln, ohne begleitendes Rot oder Blau, bringt Far-Red dagegen kaum etwas. Die Autoren schlagen deshalb vor, den nutzbaren Bereich auf 400 bis 750 nm zu erweitern und als ePAR zu bezeichnen. Mehr dazu und zur Abgrenzung von PAR steht im Artikel zu PPFD.

Eine neuere australische Studie an drei Cannabis-Sorten prüfte gezielt End-of-Day-Far-Red: einen kurzen Far-Red-Puls, sobald die Lichtphase endet. Bei allen Sorten wurden die Pflanzen dadurch höher. Bei der Sorte „Northern Lights“ stieg der Cannabinoidertrag mit zwei Stunden Far-Red in der beginnenden Dunkelphase um rund 70 % gegenüber der unbehandelten Kontrolle – mit vier Stunden Far-Red verzögerte sich dagegen die Blüte, und die Blütenmasse sank. Bei einer dritten Sorte zeigte sich kaum ein Effekt. Das Ergebnis unterstreicht, wie stark Dosis und Sorte das Resultat bestimmen, und dass sich Laborergebnisse nicht ohne Weiteres auf jedes Setup übertragen lassen.

Typische Fehler und Fehldeutungen

  • Far-Red mit Infrarotstrahlung verwechseln. Far-Red ist noch (schwach) sichtbares Licht mit photobiologischer Wirkung, Infrarot dagegen reine Wärmestrahlung.

  • „Viel Far-Red = viel Wachstum“ annehmen. Far-Red verschiebt vor allem die Wuchsform hin zu mehr Streckung; ob dabei Ertrag oder Inhaltsstoffe steigen oder sinken, hängt von Dosis und Sorte ab.

  • Streckung durch Far-Red mit Lichtmangel-Streckung gleichsetzen. Beides sieht ähnlich aus, weil derselbe Phytochrom-Mechanismus beteiligt ist, die Ursache ist aber verschieden: einmal ein Schattensignal, einmal echter Photonenmangel wie beim Vergeilen.

  • Laborprotokolle wie End-of-Day-Far-Red unverändert übernehmen. Die bisherigen Studien nutzten präzise steuerbare LEDs, feste Dosen und einzelne Sorten in Klimakammern. Ohne eigene Messung der Far-Red-Menge und ohne Beobachtung der Reaktion über mehrere Wochen lässt sich das Ergebnis kaum verlässlich nachstellen.

  • Far-Red-Anteil aus dem Datenblatt mit PAR-Effizienz vergleichen. Angaben, die Far-Red einrechnen (ePAR), fallen höher aus als klassische 400–700-nm-Werte derselben Leuchte und sind nicht direkt vergleichbar.

Häufige Fragen

Ist Far-Red dasselbe wie Infrarot?

Nein. Far-Red (ca. 700–750 nm) ist noch schwach sichtbares Dunkelrot und liegt am oberen Rand des menschlichen Sehbereichs. Infrarotstrahlung beginnt erst danach und wird als Wärme wahrgenommen, nicht als Licht. Beide Bereiche werden in Datenblättern manchmal ungenau vermischt.

Erhöht mehr Far-Red den Ertrag oder den THC-Gehalt?

Die Befunde sind uneinheitlich. In einer finnischen Hanfstudie senkte ein niedriges R:FR-Verhältnis den Blütenertrag, in einer Folgestudie stieg der Ertrag der Haupttriebspitze, während Terpene und Cannabinoide sanken. Eine australische Studie fand je nach Sorte mehr Cannabinoide oder gar keinen Effekt. Ein zuverlässiger Ertrags- oder Wirkstoffgewinn allein durch Far-Red lässt sich daraus nicht ableiten.

Was ist End-of-Day-Far-Red und lohnt sich das für den Hobby-Grow?

Dabei bekommt die Pflanze für wenige Minuten bis Stunden Far-Red, wenn die Lichtphase endet. Das soll das Phytochrom schneller in den Ruhezustand versetzen, wie es auch bei echter Abenddämmerung passiert. Die bisherigen Studien stammen aus Klimakammern mit genau steuerbaren LEDs und einzelnen Sorten; ob sich das Ergebnis auf ein Growzelt mit anderer Sorte und Technik übertragen lässt, ist offen.

Braucht jede Growleuchte zusätzliches Far-Red?

Nein. Viele weiße LEDs enthalten ohnehin einen kleinen Far-Red-Anteil. Ein hoher, gezielt zugesetzter Anteil ist kein Qualitätsmerkmal, sondern verschiebt vor allem die Wuchsform. In niedrigen Zelten kann zusätzliches Far-Red unerwünschte Streckung begünstigen.

Kann Far-Red die Dunkelphase stören oder die Blüte auslösen?

Ein kurzer Far-Red-Puls direkt am Übergang zur Dunkelheit setzt das Phytochrom zurück, ersetzt aber nicht die für die Blüteinduktion nötige ununterbrochene Dunkelphase. Licht während der eigentlichen Nacht – auch kurzes weißes Licht – wirkt anders und kann die Blüte stören. Mehr dazu im Artikel zur Photoperiode.

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Quellen

  1. Far-red photons have equivalent efficiency to traditional photosynthetic photons: Implications for redefining photosynthetically active radiation Zhen, Bugbee – Plant, Cell & Environment 43, 2020Far-Red-Photonen treiben die Bestandsphotosynthese zusammen mit kürzeren Wellenlängen genauso effizient an wie klassische PAR-Photonen.
  2. Why Far-Red Photons Should Be Included in the Definition of Photosynthetic Photons and the Measurement of Horticultural Fixture Efficacy Zhen, van Iersel, Bugbee – Frontiers in Plant Science 12, 2021Vorschlag, den Bereich auf 400–750 nm (ePAR) zu erweitern, weil Far-Red-Photonen bevorzugt Photosystem I anregen und synergistisch wirken.
  3. Shade Avoidance Casal – The Arabidopsis Book 10, 2012Übersicht: Phytochrome und Cryptochrome erkennen Nachbarschaftslicht (u. a. das R:FR-Verhältnis) und lösen Streckung von Stängel und Blattstielen aus.
  4. An Update on Plant Photobiology and Implications for Cannabis Production Eichhorn Bilodeau, Wu, Rufyikiri, MacPherson, Lefsrud – Frontiers in Plant Science 10, 2019Übersicht zu Photorezeptoren bei Cannabis; Lichtspektrum und Lichtstrategien beeinflussen Wuchsform, Blüte und sekundäre Inhaltsstoffe.
  5. The effects of far-red light on medicinal Cannabis Peterswald, Mieog, Kretzschmar, Purdy – Scientific Reports 15, 2025Drei Cannabis-Sorten mit Far-Red (735 nm) am Ende der Lichtphase: mehr Wuchshöhe bei allen Varianten; bei ‚Northern Lights‘ rund 70 % mehr Cannabinoidertrag mit 2 h Far-Red in der Dunkelphase, bei 4 h dagegen verzögerte Blüte und weniger Blütenmasse; keine relevante Wirkung bei ‚Cannatonic‘.

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