Lichtspektrum: Welche Lichtfarben braucht eine Cannabispflanze?
Kurz erklärt
Das Lichtspektrum beschreibt, wie sich das Licht einer Lampe auf die Wellenlängen verteilt. Für die Photosynthese zählen alle Photonen zwischen 400 und 700 nm, wobei Rot etwas effizienter genutzt wird als Blau und Grün. Der Blauanteil wirkt vor allem auf die Wuchsform und hält Pflanzen kompakter, Far-Red fördert Streckung. Studien an Cannabis zeigen: Das Spektrum verändert Form und teils Inhaltsstoffe, der Ertrag hängt aber vor allem von der Lichtmenge und der Effizienz der Leuchte ab.
Inhalt(7 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Blau
- 400–500 nmsteuert vor allem Wuchsform, Streckung und Blattgröße
- Grün
- 500–600 nmwird genutzt und dringt tiefer ins Blätterdach ein
- Rot
- 600–700 nmphotosynthetisch am effizientesten, meiste Photonen pro Watt
- Far-Red
- ca. 700–750 nmSchattensignal, fördert Streckung; wirkt zusammen mit PAR auch photosynthetisch
- Blauanteil und Ertrag
- 4 → 20 % Blau: ca. 12 % weniger Ertrageine Studie bei hoher PPFD, ohne Einfluss auf THC oder CBD
Was das Lichtspektrum beschreibt
Das Lichtspektrum zeigt, wie viele Photonen eine Lampe in welchem Wellenlängenbereich abgibt. Grob unterscheidet man Blau (400–500 nm), Grün (500–600 nm), Rot (600–700 nm) und Far-Red (etwa 700–750 nm, auch Dunkelrot genannt). Datenblätter guter Leuchten zeigen dazu eine Spektralkurve.
Licht wirkt auf zwei Arten auf die Pflanze. Erstens liefert es Energie für die Photosynthese; dafür zählen alle Photonen im PAR-Bereich. Zweitens ist es ein Signal: Photorezeptoren messen Farbe und Richtung des Lichts. Phytochrome reagieren auf Rot und Far-Red, Cryptochrome und Phototropine auf Blau und UV-A, der Rezeptor UVR8 auf UV-B. Über diese Signale steuert die Pflanze Streckung, Blattgröße, Verzweigung und die Blüte.
Die Photosynthese reagiert bei verschiedenen Pflanzenarten sehr ähnlich auf die Lichtfarbe, die Wuchsform dagegen unterschiedlich. Deshalb lassen sich Ergebnisse von Salat oder Tomate nur bedingt auf Cannabis übertragen.
Blauanteil: kompakter Wuchs, aber nicht mehr Ertrag
Blaue Photonen verringern bei fast allen Pflanzenarten Streckung und Blattausdehnung. Für Cannabis ist das bestätigt: In einer israelischen Studie hielt blaues Licht die Pflanzen am stärksten kompakt, stärker als ein verändertes Rot-Far-Red-Verhältnis. In einem italienischen Vergleich wuchsen Pflanzen unter blauarmem Natriumdampflicht höher und bildeten mehr Blütenmasse als unter blaureicheren LEDs, dafür lagen die Cannabinoidkonzentrationen unter den LEDs höher.
Für den Ertrag ist mehr Blau nicht besser. In drei Versuchen der Utah State University sank der Blütenertrag linear um etwa 12 %, als der Blauanteil bei gleicher PPFD von 4 auf 20 % stieg; THC- und CBD-Gehalt blieben unverändert. Auf die Pflanzenhöhe hatte der Blauanteil in dieser Studie keinen statistisch gesicherten Einfluss. Die Autoren betonen, dass Blau-Effekte mit der Lichtintensität zusammenwirken – Befunde bei schwachem Licht lassen sich nicht einfach auf hohe PPFD übertragen.
Die Farbtemperatur weißer LEDs verrät grob den Blauanteil: Kaltweiße LEDs mit 6.500 K liefern etwa 30 % blaue Photonen, warmweiße etwa 10 %. Ganz ohne Blau geht es aber auch nicht: In frühen LED-Versuchen streckten sich Salatkeimlinge unter reinem Rotlicht stark und wuchsen erst mit etwas zusätzlichem Blau normal. Ein moderater Blauanteil ist also sinnvoll, ein möglichst hoher nicht.
Rotanteil: effizient für Photosynthese und Stromrechnung
Rotes Licht treibt die Photosynthese pro Photon am effizientesten an; blaue Photonen sind rund 20 % weniger wirksam als rote bei 660 nm. Hinzu kommt die Physik: Ein rotes Photon trägt weniger Energie als ein blaues, deshalb erzeugt eine rote LED aus derselben elektrischen Leistung mehr Photonen. Unter idealen Testbedingungen erreichten LED-Chips im Jahr 2020 etwa 4,5 µmol/J (Rot), 3,5 µmol/J (Blau) und 2,6–2,9 µmol/J (Weiß).
Das erklärt, warum viele Pflanzenleuchten weiße LEDs mit zusätzlichen roten bei 660 nm kombinieren. Komplette Leuchten dieser Bauart erreichten in derselben Übersicht etwa 2,5–2,8 µmol/J, weil Treiber, Wärme und Optik Verluste verursachen. Reine Rot-Blau-Leuchten („lila Licht“) können theoretisch noch effizienter sein, erschweren aber die Sichtkontrolle der Pflanzen. Wie sich die Effizienz auf Stromverbrauch und Lichtmenge auswirkt, erklärt der Artikel LED-Leistung.
Grün und Far-Red: oft unterschätzt
Grün galt lange als nutzlos, weil Blätter grün erscheinen. Tatsächlich treiben grüne Photonen die Photosynthese nur bis zu etwa 10 % schwächer an als rote und dringen tiefer in das Blätterdach ein, wo sie untere Blätter erreichen. Außerdem sorgt Grün dafür, dass du Blattfarbe, Schädlinge und Mängel mit bloßem Auge beurteilen kannst.
Far-Red signalisiert der Pflanze Schatten. Viele Arten reagieren darauf mit Streckung, längeren Internodien und weniger Verzweigung. Gleichzeitig trägt Far-Red zusammen mit kürzeren Wellenlängen zur Photosynthese bei. Für Cannabis sind die Ergebnisse widersprüchlich: In einer finnischen Hanfstudie wurden die Pflanzen mit sehr viel Far-Red höher und brachten weniger Blütenertrag. In einem Folgeversuch derselben Gruppe stieg der Ertrag der Haupttriebspitze mit mehr Far-Red, dafür sanken die Konzentrationen vieler Terpene und Cannabinoide.
Einen ausführlichen Überblick über Studien zu Spektrum, UV und Inhaltsstoffen gibt der Artikel Was die Forschung zu Lichtspektrum und Terpenen sagt.
Typische Fehler und Mythen
„Blau fürs Wachstum, Rot für die Blüte“ als feste Regel. Das Spektrum verschiebt vor allem die Form. Eine gute Vollspektrum-LED funktioniert in allen Phasen.
Spektrum wichtiger nehmen als Lichtmenge. Ertrag folgt vor allem der Zahl der Photonen; eine effiziente Leuchte mit passender PPFD bringt mehr als ein ausgefeiltes Spektrum mit zu wenig Licht.
„Vollspektrum“ für ein Qualitätsmerkmal halten. Der Begriff ist nicht geschützt. Aussagekräftig sind Spektralkurve, Photonenfluss in µmol/s und Effizienz in µmol/J.
Viel Far-Red in niedrigen Zelten. Wer ohnehin wenig Höhe hat, riskiert zusätzliche Streckung.
Farbwahrnehmung mit Pflanzenwirkung verwechseln. Was für das Auge hell wirkt, ist für die Pflanze nicht unbedingt viel Licht. Weitere Grundlagen findest du in der Kategorie Licht-Grundlagen.
Häufige Fragen
Brauche ich für die Blüte ein anderes Spektrum als für das Wachstum?
Nicht zwingend. Viele Grower nutzen für alle Phasen dieselbe weiße LED mit zusätzlichem Rot. Studien zeigen, dass das Spektrum vor allem Wuchsform und einzelne Inhaltsstoffe verschiebt, während der Ertrag stärker von der Lichtmenge abhängt. Ein Wechsel auf mehr Rot in der Blüte ist eine Option, aber keine Voraussetzung.
Welche Farbtemperatur sollte eine weiße LED haben?
Die Farbtemperatur verrät grob den Blauanteil: Kaltweiße LEDs mit 6.500 K liefern etwa 30 % blaue Photonen, warmweiße etwa 10 %. Warmweiße LEDs sind etwas weniger effizient, passen aber gut zur Blüte. Viele Pflanzenleuchten kombinieren warm- oder neutralweiße LEDs mit roten bei 660 nm.
Ist lila Licht aus roten und blauen LEDs effizienter?
Theoretisch können Leuchten aus roten und blauen LEDs mehr Photonen pro Watt erzeugen als weiße. Unter lila Licht lassen sich Blattfarbe, Schädlinge und Mangelsymptome aber schlecht erkennen. Weiße Leuchten mit Rotanteil sind deshalb ein verbreiteter Kompromiss aus Effizienz und Alltagstauglichkeit.
Bringt zusätzliches Far-Red mehr Ertrag?
Die Befunde sind uneinheitlich. In einer Hanfstudie senkte viel Far-Red den Blütenertrag, in einer späteren Studie derselben Gruppe stieg der Ertrag der Haupttriebspitze mit mehr Far-Red, während die Terpen- und Cannabinoidkonzentrationen sanken. Far-Red fördert außerdem Streckung, was in niedrigen Zelten stören kann.
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Quellen
- From physics to fixtures to food: current and potential LED efficacy Kusuma, Pattison, Bugbee – Horticulture Research 7, 2020Wirkung der Farbanteile auf Photosynthese und Wuchsform, Blauanteil weißer LEDs je Farbtemperatur und Effizienz roter, blauer und weißer LEDs.
- An Update on Plant Photobiology and Implications for Cannabis Production Eichhorn Bilodeau, Wu, Rufyikiri, MacPherson, Lefsrud – Frontiers in Plant Science 10, 2019Übersicht zu Photorezeptoren (Phytochrome, Cryptochrome, Phototropine, UVR8) und ihrer Bedeutung für Cannabis.
- Cannabis lighting: Decreasing blue photon fraction increases yield but efficacy is more important for cost effective production of cannabinoids Westmoreland, Kusuma, Bugbee – PLOS ONE 16, 2021Mehr Blau (4 → 20 %) senkte den Ertrag linear um ca. 12 %, ohne THC oder CBD zu verändern; Effizienz der Leuchte wichtiger als Spektrum.
- Light matters: Effect of light spectra on cannabinoid profile and plant development of medical cannabis (Cannabis sativa L.) Danziger, Bernstein – Industrial Crops and Products 164, 2021Blaues Licht hielt Pflanzen am stärksten kompakt; das Spektrum veränderte vor allem die CBGA-Konzentration.
- The Effect of Light Spectrum on the Morphology and Cannabinoid Content of Cannabis sativa L. Magagnini, Grassi, Kotiranta – Medical Cannabis and Cannabinoids 1, 2018Unter Natriumdampflicht wuchsen Pflanzen höher und bildeten mehr Blütenmasse, unter LEDs waren die Cannabinoidkonzentrationen höher.
- Radiation (Chapter 1) Sager, McFarlane – in: Langhans, Tibbitts (Hrsg.), Plant Growth Chamber Handbook, NCR Research Publication 340, 1997Farbbereiche Blau, Grün, Rot und Far-Red; frühe LED-Versuche, in denen Salatkeimlinge unter reinem Rotlicht vergeilten, bis Blau ergänzt wurde.
- Sensitivity of Seven Diverse Species to Blue and Green Light: Interactions with Photon Flux Snowden, Cope, Bugbee – PLOS ONE 11, 2016Blau-Effekte auf das Wachstum hängen von Art und Lichtintensität ab; Grünanteile wirkten vergleichsweise wenig.
- Far-red photons have equivalent efficiency to traditional photosynthetic photons: Implications for redefining photosynthetically active radiation Zhen, Bugbee – Plant, Cell & Environment 43, 2020Far-Red trägt zusammen mit kürzeren Wellenlängen zur Bestandsphotosynthese bei.
- The morphology, inflorescence yield, and secondary metabolite accumulation in hemp type Cannabis sativa can be influenced by the R:FR ratio or the amount of short wavelength radiation in a spectrum Kotiranta, Pihlava, Kotilainen, Palonen – Industrial Crops and Products 208, 2024Hanfsorte ‚Finola‘: viel Far-Red (R:FR 1) machte Pflanzen höher und senkte den Blütenertrag.
- Decreasing R:FR ratio in a grow light spectrum increases inflorescence yield but decreases plant specialized metabolite concentrations in Cannabis sativa Kotiranta, Sarka, Kotilainen, Palonen – Environmental and Experimental Botany 229, 2025Mehr Far-Red erhöhte den Ertrag der Haupttriebspitze, senkte aber Terpen- und Cannabinoidkonzentrationen.
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