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Stretch in der Blüte: Warum Cannabis nach der Umstellung noch wächst

Von Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Stretch ist die deutliche Streckung von Stängel und Internodien, die photoperiodische Cannabispflanzen in den ersten ein bis drei Wochen nach der Umstellung auf die kurze Lichtphase zeigen, bevor sich das Wachstum auf kompakte Blütenstände verlagert. Auslöser ist ein Abfall von Gibberellin und Auxin in der Triebspitze, den die kurzen Nächte anstoßen. Wie stark der Stretch ausfällt, hängt stark von der Sorte und den Wuchsbedingungen ab – bei manchen Genetiken verdoppelt sich die Höhe kaum merklich, bei anderen deutlich mehr.

Inhalt(8 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Zeitfenster
meist die ersten 1–3 Wochen nach der Umstellungin einer Studie rasche Stängelstreckung von Tag 5 bis Tag 10 nach Beginn der Kurztagbedingungen
Auslösender Mechanismus
Abfall von Gibberellin (GA4) und Auxin in der Triebspitze
Sortenabhängigkeit
stark unterschiedlich je nach Genetikbelastbare Zahlen zu typischen Multiplikatoren fehlen
Ende des Stretch
sobald sich ein kompakter Blütenstand bildetneu gebildete Internodien wachsen dann kaum noch in die Länge

Was beim Stretch in der Pflanze passiert

Stretch bezeichnet die auffällige Streckung von Stängel und Internodien (den Abschnitten zwischen zwei Blattknoten), die photoperiodische Cannabispflanzen nach der Umstellung auf die kurze Lichtphase zeigen, bevor sich dichte Blütenstände bilden. Eine Studie an weiblichen Cannabispflanzen hat den Ablauf in zwei Phasen beschrieben: In den ersten Tagen nach Beginn der Kurztagbedingungen – in der Untersuchung etwa vom fünften bis zehnten Tag – strecken sich Internodien und Haupttrieb rasch. Danach folgt eine zweite Phase, in der neu gebildete Internodien kaum noch wachsen und sich stattdessen ein kompakter Blütenstand formt.

Auslöser ist ein hormoneller Umbau in der Triebspitze: Unter den kurzen Nächten sanken in der Studie die Gehalte von Gibberellin (GA4) und Auxin messbar ab. Wurden die Pflanzen zurück auf lange Tage gesetzt, stiegen beide Hormone wieder an, die kompakten Blütenstände lösten sich auf, und die Internodien streckten sich erneut. Wurde stattdessen Gibberellinsäure direkt auf Pflanzen unter kurzen Tagen aufgetragen, verlängerten sich die Internodien ähnlich wie bei Rückkehr zu langen Tagen – ein deutlicher Hinweis, dass Gibberellin den Stretch antreibt und gleichzeitig die Verdichtung des Blütenstands hemmt.

Wie lange und wie stark der Stretch ausfällt

Nach der oben beschriebenen Studie ist die rasche Streckungsphase innerhalb von rund einer Woche nach Beginn der Kurztagbedingungen am stärksten ausgeprägt und lässt danach spürbar nach. Als grobe Orientierung für die Praxis gelten ein bis drei Wochen nach der Umstellung, bis das Streckungswachstum größtenteils abgeschlossen ist – die genaue Dauer hängt aber von Sorte, Lichtintensität und weiteren Bedingungen ab.

Wichtig für die Planung: Nicht jedes Internodium reagiert gleich. Internodien, die bereits vor der Umstellung angelegt waren, entwickelten sich in der Studie unabhängig von der Tageslänge ähnlich; erst jüngere, zum Zeitpunkt der Umstellung noch wachsende Internodien fielen unter Kurztag deutlich länger aus. Das erklärt, warum sich der sichtbare Größenzuwachs meist auf den oberen, zum Umstellungszeitpunkt noch jungen Teil der Pflanze konzentriert.

Stretch als Sortenmerkmal: was du dir merken kannst

Wie ausgeprägt der Stretch ausfällt, unterscheidet sich stark zwischen Genetiken – die zitierte Studie beschreibt die Reaktion ausdrücklich als sorten- und umweltabhängig. In der Praxis reicht die Spanne von kaum wahrnehmbarer Streckung bis zu einer deutlichen Vervielfachung der Höhe; belastbare, allgemeingültige Zahlen dazu gibt es aber nicht, weil dafür vergleichende Messungen über viele Sorten hinweg fehlen.

Verbreitet ist die Annahme, Indica-Sorten würden wenig, Sativa-Sorten dagegen stark strecken. Untersuchungen zur Genetik kommerzieller Cannabis-Sorten fanden jedoch, dass die Bezeichnungen Indica und Sativa den tatsächlichen Chemotyp und die genetische Herkunft einer Pflanze kaum widerspiegeln. Mehr dazu erklärt der Artikel Indica-Sativa-Hybrid als Sortenbeschreibung. Verlässlicher als das Label ist die eigene Beobachtung: Wer eine Sorte über mehrere Durchgänge im Grow-Tagebuch dokumentiert, bekommt ein realistisches Bild vom typischen Stretch dieser konkreten Genetik.

Was den Stretch zusätzlich beeinflusst

Neben der Sorte spielen auch die Wuchsbedingungen eine Rolle. Eine Studie an Cannabis in der Wachstumsphase zeigte, dass höhere Lichtintensität die Internodien insgesamt verkürzt – ein Effekt, der sich vermutlich in die Blütephase hinein fortsetzt, auch wenn er dort nicht gesondert untersucht wurde. Auch die Lichtqualität kann eine Rolle spielen: Nach einer Übersichtsarbeit zur Schattenvermeidung reagieren Pflanzen über Phytochrome auf das Verhältnis von Hellrot- zu Dunkelrotlicht mit verstärktem oder gebremstem Streckungswachstum – ein Mechanismus, der neben der photoperiodischen Hormonumstellung zusätzlich zum Stretch beitragen kann.

Auch der Zustand der Pflanze zum Umstellungszeitpunkt zählt: Eine Pflanze, die sich noch von Topping oder einem anderen Eingriff erholt, wächst insgesamt langsamer und kann dadurch auch beim Stretch anders reagieren als eine ungestörte, kräftig wachsende Pflanze.

Stretch in der Growplanung berücksichtigen

Weil der Stretch die Pflanze in kurzer Zeit spürbar wachsen lässt, lohnt es sich, ihn schon bei der Umstellung von Wachstum auf Blüte einzuplanen. Eine gängige Faustregel ist, auf die kurze Lichtphase umzustellen, wenn die Pflanze etwa die Hälfte bis zwei Drittel der verfügbaren Höhe erreicht hat – wie lange die Wachstumsphase davor dauert, bestimmst du bei photoperiodischen Sorten selbst. Wer eine Sorte zum ersten Mal anbaut, kalkuliert besser mit mehr Puffer nach oben, bis eigene Erfahrungswerte vorliegen.

Typische Fehler beim Umgang mit dem Stretch

  • Stretch pauschal an Indica oder Sativa festmachen. Diese Bezeichnungen sagen laut genetischen Untersuchungen wenig über die tatsächliche Wuchsform einer Sorte aus – nur eigene Beobachtung zeigt, wie eine konkrete Genetik reagiert.

  • Zu spät auf Blüte umstellen. Wer erst umstellt, wenn die Box bereits randvoll ist, hat für den folgenden Stretch keinen Platz mehr.

  • Streckung mit einem Problem verwechseln. Deutliches Wachstum direkt nach der Umstellung ist normal und kein Anzeichen für Stress oder Nährstoffmangel.

  • Während des Stretch stark zurückschneiden. Größere Eingriffe in dieser Phase verlängern die Erholungszeit und stören den ohnehin im Umbau befindlichen Hormonhaushalt zusätzlich.

  • Ausbleibenden Stretch als Fehler interpretieren. Manche Sorten strecken kaum, ohne dass das auf einen Anbaufehler hindeutet.

  • Die zweite Streckungsphase ignorieren. Auch nach der schnellen ersten Woche wächst die Pflanze oft noch etwas weiter, bevor sich der Blütenstand vollständig verdichtet – wer danach erst mit der Platzplanung beginnt, kommt oft zu spät.

Häufige Fragen

Wie lange dauert der Stretch genau?

Ein genauer Kalenderwert lässt sich nicht angeben, weil er von Sorte und Bedingungen abhängt. In einer Studie fand die rasche Stängelstreckung ungefähr vom fünften bis zehnten Tag nach Beginn der kurzen Lichtphase statt, danach verlangsamte sie sich deutlich. Als grobe Orientierung gelten ein bis drei Wochen nach der Umstellung.

Kann ich den Stretch stoppen oder begrenzen?

Vollständig verhindern lässt er sich nicht, weil er auf hormonellen Veränderungen beruht, die die kurze Lichtphase auslöst. Mit Low Stress Training kannst du wachsende Triebe seitlich lenken, sodass die Pflanze in der Breite statt nur in der Höhe zulegt. Rückschnitte während des Stretch verlängern zusätzlich die Erholungszeit.

Ist es ein Problem, wenn eine Pflanze kaum streckt?

Nicht zwangsläufig. Wie stark der Stretch ausfällt, ist genetisch sehr unterschiedlich, und geringe Streckung bedeutet nicht automatisch weniger Blütenertrag. Prüfe eher, ob die Pflanze insgesamt gesund wirkt und normale Blütenstände bildet, statt die Streckung allein als Maßstab zu nehmen.

Zeigen Autoflower-Pflanzen auch einen Stretch?

Ja, auch Autoflower-Pflanzen durchlaufen beim Übergang zur Blüte eine Phase mit verstärktem Streckungswachstum, unabhängig von der Lichtdauer. Weil ihre gesamte Wachstumsphase kürzer und weniger beeinflussbar ist, lässt sich der Zeitpunkt des Stretch bei ihnen schlechter im Voraus einplanen.

Beeinflusst Training den Stretch?

Indirekt ja. Eine Pflanze, die kurz vor der Blüteumstellung getoppt oder stark beschnitten wurde, befindet sich noch in der Erholung und kann anders auf den Stretch reagieren als eine ungestörte Pflanze. Plane deshalb Trainingsmaßnahmen möglichst so, dass die Pflanze beim Umstellen bereits wieder kräftig wächst.

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Quellen

  1. Inflorescence development in female cannabis plants is mediated by photoperiod and gibberellin Alter, Sade, Sood, Carmeli-Weissberg, Shaya, Kamenetsky-Goldstein, Bernstein, Spitzer-Rimon – Horticulture Research 11, 2024Beschreibt die zwei Phasen der Streckung nach Beginn der Kurztagbedingungen und den zugrundeliegenden Abfall von Gibberellin (GA4) und Auxin.
  2. Shade Avoidance Casal – The Arabidopsis Book, 2012Übersichtsarbeit zur Rolle von Phytochromen beim Streckungswachstum – ergänzender Mechanismus neben der photoperiodischen Hormonumstellung.
  3. Light intensity can be used to modify the growth and morphological characteristics of cannabis during the vegetative stage of indoor production Moher, Llewellyn, Jones, Zheng – Industrial Crops and Products 183, 2022Zeigt, dass mehr Lichtintensität Internodien verkürzt – ein Faktor, der neben der Sorte auch das Ausmaß des Stretch mitbestimmen kann.
  4. Cannabis labelling is associated with genetic variation in terpene synthase genes Watts, McElroy, Migicovsky, Maassen, Peritore, Myles – Nature Plants 7, 2021Zeigt, dass die Bezeichnungen Indica und Sativa den Chemotyp kaum widerspiegeln – Grund für Zurückhaltung, Stretch pauschal an dieses Label zu koppeln.
  5. The phytochemical diversity of commercial Cannabis in the United States Smith, Jones, Ashqar, Cohen, Vergara, Mudge, Meija, McClure, Coburn, Vrdoljak, Ryabtsev – PLOS ONE 17, 2022Kommerzielle Sorten ließen sich unabhängig von der Indica/Sativa-Kennzeichnung nur in wenige Chemotyp-Gruppen einteilen – stützt Zurückhaltung bei Sortenversprechen zum Stretch.

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