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Phototropismus: Wie Cannabis auf Licht reagiert

Von Aktualisiert am 4 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Phototropismus ist die gerichtete Wachstumsbewegung von Pflanzenteilen zu einer Lichtquelle hin: Blaulicht-Rezeptoren, die Phototropine, lösen eine ungleiche Verteilung des Hormons Auxin im Stängel aus, wodurch eine Seite schneller wächst als die andere und sich der Trieb zum Licht krümmt. Gravitropismus funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip, reagiert aber auf die Schwerkraft: Sprosse wachsen bevorzugt aufwärts, Wurzeln abwärts. Beide Reaktionen helfen der Pflanze, Licht optimal zu nutzen und sich nach Störungen wieder auszurichten.

Inhalt(7 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Lichtrezeptor
Phototropine (Blaulicht, ca. 390–500 nm)sitzen vor allem an Stängelspitzen und jungen Blättern (Christie 2007)
Mechanismus
asymmetrische Auxin-Verteilungschattige Seite wächst schneller als die lichtzugewandte Seite
Gravitropismus-Sensor
Amyloplasten in Statocytenstärkehaltige Plastiden sinken bei Neigung zur neuen Unterseite ab (Morita 2010)
Betroffene Organe
vor allem Stängelspitzen und junge BlätterWurzeln folgen im Substrat vor allem der Schwerkraft, kaum dem Licht

Was Phototropismus ist und wie er funktioniert

Phototropismus bezeichnet eine gerichtete Wachstumsbewegung von Pflanzenteilen zu einer Lichtquelle hin (positiver Phototropismus) oder von ihr weg (negativer Phototropismus). Anders als bei Tieren gibt es dabei keine Muskeln: Die Krümmung entsteht, weil eine Seite des Stängels oder Blattstiels schneller wächst als die gegenüberliegende Seite. Die lichtabgewandte Seite streckt sich schneller, wodurch sich der Trieb zur Lichtquelle hin biegt.

Ausgelöst wird diese Reaktion über spezialisierte Blaulicht-Rezeptoren, die Phototropine. Sie sitzen vor allem an Stängelspitzen und jungen Blättern und reagieren auf blaues Licht im Bereich von etwa 390 bis 500 nm. Registrieren sie mehr Blaulicht von einer Seite, lösen sie eine ungleiche Verteilung des Pflanzenhormons Auxin aus: Auf der schattigen Seite sammelt sich mehr Auxin an, was dort die Zellstreckung beschleunigt. Dieses Prinzip – ungleiche Hormonverteilung führt zu ungleichem Wachstum – gilt heute als gut abgesichertes Grundmodell für mehrere Wachstumsreaktionen auf äußere Reize wie Licht, Schwerkraft oder Berührung.

Gravitropismus: die Schwerkraft als zweiter Kompass

Gravitropismus ist die entsprechende Wachstumsreaktion auf die Schwerkraft: Sprosse wachsen bevorzugt nach oben (negativer Gravitropismus), Wurzeln nach unten (positiver Gravitropismus). Wahrgenommen wird die Richtung der Schwerkraft in spezialisierten Zellen, den Statocyten, in denen stärkehaltige Plastiden – die Amyloplasten – als bewegliche Gewichte dienen. Kippt eine Pflanze zur Seite, sinken die Amyloplasten in den Statocyten zur neuen Unterseite ab und lösen dort ein Signal aus, das wiederum die Verteilung von Auxin verändert. Nach aktuellem Forschungsstand unterscheiden sich die beteiligten Zelltypen in Spross und Wurzel in Aufbau und Reaktion deutlich, auch wenn das Grundprinzip ähnlich ist.

Phototropismus und Gravitropismus laufen damit über einen ganz ähnlichen Mechanismus: asymmetrisch verteiltes Auxin, das auf einer Seite eines Organs mehr Zellstreckung auslöst als auf der anderen. Für Cannabis bedeutet das praktisch: Ein umgeknickter oder schräg wachsender Trieb richtet sich über Gravitropismus meist von selbst wieder stärker nach oben aus, sofern der Stängel nicht abgebrochen ist. Wie stark und wie schnell das gelingt, hängt von Sorte, Stängeldicke und Ausmaß der Schädigung ab – belastbare Zahlen dazu gibt es für Cannabis nicht.

Wozu die Pflanze das braucht

Beide Reaktionen sichern derselben Pflanze dieselbe Grundvoraussetzung: eine möglichst günstige Position für Photosynthese und Standfestigkeit. Phototropismus sorgt dafür, dass Triebspitzen sich in Richtung der stärksten verfügbaren Lichtquelle ausrichten, auch wenn Licht nur einseitig einfällt. Gravitropismus stellt unabhängig davon sicher, dass der Spross tendenziell nach oben und die Wurzel nach unten wächst, selbst wenn ein Samen schräg im Substrat liegt oder eine Pflanze umgeworfen wird.

In einer Growbox mit Lampen direkt über dem Blätterdach spielt Phototropismus meist eine kleinere Rolle als bei einseitig beleuchteten Pflanzen, etwa auf einer Fensterbank oder am Rand eines Zelts, wo Licht seitlich durch eine Lücke einfällt. Wie eine gleichmäßige Lichtverteilung solches einseitiges Wachstum von vornherein verringert, beschreibt die Kategorie Licht-Grundlagen.

Praktische Bedeutung für den Grow

Wer einen Ast beim Low Stress Training herunterbindet, nutzt im Grunde den Gravitropismus: Die fixierte Triebspitze richtet sich über Zeit wieder stärker nach oben aus, wodurch sich mehrere Triebe auf ähnliche Höhe bringen lassen. Auch das bekannte Phänomen, dass Seitentriebe nach dem Entfernen der Haupttriebspitze aufrechter und kräftiger wachsen, hängt eng mit der veränderten Auxin-Verteilung zusammen, die im Artikel zur Apikaldominanz beschrieben wird.

Steht eine Pflanze dauerhaft in einer Ecke mit Schatten von einer Seite, hilft gelegentliches Drehen des Topfes, damit sich das Wachstum nicht einseitig auf eine Richtung konzentriert. Das betrifft vor allem Outdoor- und Fensterbank-Setups; unter mittig hängenden Lampen mit gleichmäßiger Lichtverteilung über der gesamten Fläche ist der Effekt meist gering.

Typische Fehler und Verwechslungen

  • Phototropismus mit Vergeilen verwechseln. Beim Vergeilen strecken sich Sämlinge bei zu wenig Licht insgesamt in die Länge, gesteuert über Phytochrome, die vor allem Rot- und Dunkelrotlicht messen. Phototropismus krümmt dagegen einen bereits vorhandenen Trieb gezielt zu einer Lichtquelle hin und wird über Blaulicht-Rezeptoren ausgelöst. Beide Reaktionen können gleichzeitig auftreten, haben aber unterschiedliche Sensoren und Signalwege.

  • Jede Schräglage sofort korrigieren wollen. Eine leichte Neigung zur stärksten Lichtquelle ist eine normale, energiesparende Reaktion und kein Fehler in der Pflege.

  • Gravitropismus als Garantie für vollständige Aufrichtung sehen. Stark umgeknickte oder angebrochene Stängel richten sich oft nur teilweise auf; eine Stütze nimmt Druck von der Schadstelle, ersetzt aber nicht die Reaktionszeit der Pflanze.

  • Ungleichmäßiges Wachstum ausschließlich der Genetik zuschreiben. Bevor eine schiefe Wuchsform als reines Sortenmerkmal gilt, lohnt sich ein Blick auf die tatsächliche Lichtverteilung im Zelt oder am Fenster.

Häufige Fragen

Was ist der Unterschied zwischen Phototropismus und Gravitropismus?

Beide beruhen auf einer ungleichen Verteilung des Pflanzenhormons Auxin, die eine Seite eines Organs schneller wachsen lässt als die andere. Der Unterschied liegt im Reiz: Phototropismus reagiert auf einseitiges Licht und wird über Blaulicht-Rezeptoren (Phototropine) ausgelöst, Gravitropismus reagiert auf die Schwerkraftrichtung und wird über sinkende Amyloplasten in speziellen Zellen wahrgenommen. Beide Reaktionen können gleichzeitig ablaufen und sich verstärken oder überlagern.

Richtet sich ein umgeknickter Cannabis-Stängel von selbst wieder auf?

In vielen Fällen ja, sofern der Stängel nicht abgebrochen oder stark gequetscht ist. Über Gravitropismus wächst der obere Teil des Triebs wieder verstärkt nach oben, auch wenn die Pflanze zur Seite gekippt ist. Wie vollständig und wie schnell das gelingt, hängt von Sorte, Stängeldicke und Ausmaß der Schädigung ab; eine Stütze nimmt in der Zwischenzeit mechanischen Druck von der Schadstelle.

Warum wachsen beim Low Stress Training abgebundene Triebe wieder nach oben?

Wird ein Trieb heruntergebogen und fixiert, ändert sich die Verteilung von Auxin entlang des Astes, und die Triebspitze richtet sich über Gravitropismus wieder stärker aufwärts aus. Genau dieser Effekt wird beim Low Stress Training gezielt genutzt, um mehrere Triebspitzen auf gleiche Höhe zu bringen und ein gleichmäßiges Blätterdach zu formen.

Ist es schlecht, wenn sich eine Pflanze sichtbar zum Licht neigt?

Nein, eine leichte Neigung zur stärksten Lichtquelle ist eine normale, energiesparende Reaktion und kein Anzeichen für einen Fehler in der Pflege. Auffällig wird es erst, wenn die Neigung sehr stark ist oder nur eine Seite der Pflanze wächst; dann lohnt sich ein Blick auf die Lichtverteilung im Zelt oder am Fenster.

Reagieren auch Wurzeln auf Licht?

Wurzeln wachsen im Substrat normalerweise im Dunkeln und werden vor allem durch Gravitropismus gesteuert, der sie nach unten lenkt. Eine praktisch relevante Lichtreaktion der Wurzeln ist für den privaten Anbau kaum von Bedeutung, weil Wurzeln im gewachsenen Substrat oder Topf ohnehin kaum Licht erreicht.

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Aus dem Forum

Quellen

  1. Phototropin blue-light receptors Christie – Annual Review of Plant Biology 58, 2007Übersicht zu Phototropinen als Blaulicht-Rezeptoren, die unter anderem Phototropismus steuern.
  2. Directional gravity sensing in gravitropism Morita – Annual Review of Plant Biology 61, 2010Übersicht zum Mechanismus der Schwerkraftwahrnehmung über Amyloplasten in Statocyten von Spross und Wurzel.
  3. Plant tropisms: providing the power of movement to a sessile organism Esmon, Pedmale, Liscum – The International Journal of Developmental Biology 49, 2005Übersicht zu Phototropismus, Gravitropismus und weiteren Tropismen als Ergebnis differenzieller Zellstreckung.
  4. Shade Avoidance Casal – The Arabidopsis Book, 2012Übersicht zur Schattenvermeidung über Phytochrome; Abgrenzung zum blaulichtgesteuerten Phototropismus.

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