Dunkelphase: Warum Cannabis die ununterbrochene Nacht braucht
Kurz erklärt
Die Dunkelphase ist der tägliche Abschnitt ohne Licht, in dem Cannabis über die Länge der ununterbrochenen Nacht „misst“, ob Blühbedingungen vorliegen, während gleichzeitig gespeicherte Stärke verbraucht wird und die Temperatur meist absinkt. Photoperiodische Sorten brauchen für die Blüte eine wirklich durchgehend dunkle Nacht von oft mindestens 10 bis 12 Stunden; schon sehr schwaches Licht kann stören. Für Kontrollen in der Nacht gibt es keine für Cannabis nachweislich unbedenkliche Notbeleuchtung – kurze Blicke in der Lichtphase sind die sicherere Wahl.
Inhalt(7 Abschnitte)
Richtwerte auf einen Blick
- Dunkelphase im Wachstum
- meist 6–8 h (bei 18/6 bzw. 16/8)muss nicht ununterbrochen dunkel sein, solange keine Blüte ausgelöst werden soll
- Dunkelphase in der Blüte
- 12 h bei 12/12photoperiodische Sorten; kritische Nachtlänge je nach Sorte oft schon ab ca. 10–11 h
- Lichtempfindlichkeit in der Nacht
- bei empfindlichen Sorten schon ab ca. 0,01 µmol/m²/sEckels & Bugbee 2025; siehe Artikel zu Lichtlecks
- Nachttemperatur
- häufig einige Grad kühler als am Tagdie Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht beeinflusst das Streckungswachstum
Was in der Dunkelphase passiert
Die Dunkelphase ist mehr als die Abwesenheit von Licht. Lichtrezeptoren wie die Phytochrome kehren im Dunkeln über Stunden in ihre inaktive Form zurück; wie weit dieser Prozess fortgeschritten ist, wenn die nächste Lichtphase beginnt, ist für die Pflanze das Maß für die vergangene Nachtlänge. Genau darüber steuert Cannabis als Kurztagspflanze, ob sie vegetativ bleibt oder blüht – die Mechanik dahinter erklärt der Artikel zur Photoperiode.
Nachts läuft außerdem der Stoffwechsel weiter, nur ohne Photosynthese. Die Pflanze zehrt von Stärke, die tagsüber in den Blättern eingelagert wurde. Diese Verwertung ist nicht einfach ein Auslaufen, sondern wird von der inneren Uhr der Pflanze getaktet: In Versuchen an Arabidopsis war der Stärkeabbau so eingestellt, dass der Vorrat ungefähr bis zum erwarteten Lichtbeginn reichte. Bei unregelmäßigen Zykluslängen ging der Pflanze die Energie vor Tagesanbruch aus, was das Wachstum bremste. Für Cannabis fehlen vergleichbare Versuche, ein gleichbleibender 24-Stunden-Rhythmus gilt aber auch hier als sichere Grundlage.
Wie lang die Dunkelphase je nach Phase sein sollte
Wie lang die Nacht sein muss, hängt davon ab, was sie bewirken soll:
Phase | Übliche Dunkelphase | Bedeutung |
|---|---|---|
Sämlinge, Stecklinge, Wachstum | 6–8 h (bei 18/6 bzw. 16/8) | hält photoperiodische Pflanzen sicher vegetativ, muss nicht zwingend absolut dunkel sein |
Mutterpflanzen | wie im Wachstum | dauerhaft kurze Nacht, oft über Monate |
Blüte (photoperiodisch) | 12 h bei 12/12 | löst und erhält die Blüte; kritische Schwelle je nach Sorte oft schon ab ca. 10–11 h |
Autoflower | unerheblich | blühen unabhängig von der Nachtlänge |
In der Wachstumsphase ist die Dunkelphase unkritisch, solange sie kurz genug bleibt: Ein kurzer Lichteinfall löst dort keine Blühverzögerung aus, weil die Nacht ohnehin nicht lang genug ist, um als Blühsignal zu wirken. Sobald aber auf 12/12 umgestellt wurde, zählt jede Minute ununterbrochener Dunkelheit. Wie empfindlich Cannabis dann reagiert, zeigt eine aktuelle Untersuchung: Die anfälligsten von sieben getesteten Sorten reagierten schon auf ein Bruchteil eines Mikromols pro Quadratmeter und Sekunde mit verzögerter Blüte. Wie du solche Lichtlecks systematisch aufspürst, beschreibt der gleichnamige Artikel.
Notbeleuchtung: Gibt es unbedenkliches Licht für Kontrollen in der Nacht?
Wer nachts nach den Pflanzen sehen muss, sucht verständlicherweise nach einer Lichtquelle, die nicht stört. Eine für Cannabis nachweislich unbedenkliche Notbeleuchtung gibt es aber nicht.
Grünes Licht gilt in der Grow-Praxis oft als Geheimtipp, weil Pflanzen es angeblich „nicht sehen“. Das stimmt so nicht: Grünes Licht wird ebenfalls von Lichtrezeptoren wahrgenommen. Bei mehreren anderen Kurztagspflanzen verzögerte eine mehrstündige Zugabe von grünem Licht die Blüte, bei einer Art genügte dafür schon eine sehr geringe Intensität. Für Cannabis selbst fehlen dazu bisher eigene Daten, ein Restrisiko bleibt also.
Infrarotlicht, etwa von Überwachungskameras mit Nachtsichtfunktion, ist ebenfalls kein Freibrief: Infrarot-LEDs verzögerten in einem Versuch die Blüte von Cannabis um bis zu zwölf Tage, wenn auch bei höherer Intensität, als schwache Kamerabeleuchtung sie liefert. Für dich unsichtbar bedeutet also nicht automatisch unwirksam für die Pflanze.
In der Praxis ist die robusteste Lösung deshalb organisatorisch statt technisch: Regelmäßige Kontrollen, Gießen und Arbeiten am Aufbau in die Lichtphase legen, statt nachts. Ist ein kurzer Blick in die Dunkelphase unvermeidbar, hilft es, die Zeit kurz zu halten, möglichst wenig und indirektes Licht zu verwenden und Abstand zu den Pflanzen zu halten.
Dunkelphase und Temperatur: die nächtliche Abkühlung
Ohne Lampenwärme kühlt ein Growraum in der Dunkelphase meist von selbst etwas ab. Diese Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht wird in der Fachliteratur als DIF bezeichnet und ist ein bekanntes Steuerungsmittel im Gewächshausanbau: Eine Übersichtsarbeit zu mehreren Gewächshauskulturen zeigt, dass wärmere Tage im Verhältnis zu kühleren Nächten das Streckungswachstum fördern, während eine geringere oder umgekehrte Differenz kompaktere Pflanzen begünstigt. Für Cannabis lässt sich daraus ableiten, dass eine leicht kühlere Nacht unproblematisch und tendenziell sogar hilfreich gegen übermäßiges Strecken ist.
Ein zu starker Einbruch ist dagegen unerwünscht, weil er die Luft nahe an den Taupunkt bringen und Kondensation auf Blättern und Blüten begünstigen kann – ein Risikofaktor für Schimmel. Wie viel Luftfeuchtigkeit in welcher Phase angemessen ist, erklärt die Kategorie Klima & VPD.
Typische Fehler und Irrtümer zur Dunkelphase
Grünes oder infrarotes Licht für „unsichtbar für die Pflanze“ halten. Beide Lichtarten wurden in Studien mit Verzögerungen der Blüte bei Kurztagspflanzen in Verbindung gebracht.
Die Dunkelphase in der Wachstumsphase genauso streng nehmen wie in der Blüte. Vor der Umstellung auf 12/12 ist ein kurzer Lichteinfall unkritisch, danach zählt jede Unterbrechung.
Nächtliche Abkühlung als Störung behandeln. Ein moderater Temperaturabfall ist normal und kann sogar gegen übermäßiges Strecken helfen; kritisch wird erst ein starker Einbruch mit Kondensationsrisiko.
Kontrollen routinemäßig in die Nacht legen. Wer regelmäßig mit Taschenlampe nach den Pflanzen sieht, riskiert unnötig genau die Störung, die die Dunkelphase eigentlich vermeiden soll.
Jede Wachstumsstörung sofort auf die Dunkelphase schieben. Verzögerte Blüte oder ungewöhnliches Strecken haben auch andere Ursachen; erst Zeitschaltuhr und Raum auf Lichtlecks prüfen, dann weitersuchen.
Häufige Fragen
Wie dunkel muss die Dunkelphase wirklich sein?
Vollständig dunkel: Cannabis reagiert auf sehr geringe Lichtmengen, weil es die Nachtlänge über lichtempfindliche Rezeptoren misst. Für die genaue Fehlersuche nach Streulicht und typische Quellen wie Ritzen oder Kontroll-LEDs siehe den Artikel zu Lichtlecks.
Gibt es eine sichere Notbeleuchtung für Kontrollen in der Dunkelphase?
Eine nachweislich unbedenkliche Farbe gibt es für Cannabis nicht. Grünes Licht gilt in Foren oft als „für Pflanzen unsichtbar“, verzögerte in Studien an anderen Kurztagspflanzen aber die Blüte. Auch Infrarot-Kameralicht ist nicht automatisch sicher. Verlege Kontrollen deshalb in die Lichtphase; ist das nicht möglich, halte sie kurz, dunkel gedimmt und mit Abstand zu den Pflanzen.
Muss die Dunkelphase in der Wachstumsphase genauso streng eingehalten werden wie in der Blüte?
Nein, in der Wachstumsphase löst ein kurzer Lichteinfall keine Blühverzögerung aus, weil die Nacht ohnehin kurz genug ist, um die Pflanze vegetativ zu halten. Ein fester 24-Stunden-Rhythmus bleibt trotzdem sinnvoll, damit sich die innere Uhr der Pflanze nicht verschiebt.
Warum kühlt es in der Dunkelphase oft merklich ab, und ist das ein Problem?
Ohne Lampenwärme sinkt die Raumtemperatur meist von selbst; ein moderater Tag-Nacht-Unterschied ist normal und in der Gewächshauskultur sogar ein anerkanntes Steuerungsmittel gegen zu starkes Streckungswachstum. Problematisch wird es erst, wenn die Nachttemperatur stark einbricht oder die Luftfeuchtigkeit dadurch zu Kondensation führt.
Was passiert, wenn die Dunkelphase wiederholt unterbrochen wird?
Wiederholte oder länger andauernde Störungen können den Blühbeginn verzögern oder einen begonnenen Blütenstand sogar wieder in ein gestrecktes, vegetatives Wuchsmuster zurückfallen lassen. Welche Symptome das im Einzelnen auslöst, beschreibt der Artikel zu photoperiodischem Stress.
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Quellen
- Photoperiodic Flowering: Time Measurement Mechanisms in Leaves Song, Shim, Kinmonth-Schultz, Imaizumi – Annual Review of Plant Biology 66, 2015Erklärt, wie Phytochrome in der Dunkelheit in ihre inaktive Form zurückkehren und die Blattzellen darüber die Nachtlänge messen.
- Circadian control of carbohydrate availability for growth in Arabidopsis plants at night Graf, Schlereth, Stitt, Smith – PNAS 107, 2010Zeigt, dass der nächtliche Verbrauch gespeicherter Stärke von der inneren Uhr gesteuert wird und auf die erwartete Nachtlänge abgestimmt ist.
- Plant Circadian Rhythms McClung – The Plant Cell 18, 2006Übersicht zur inneren Uhr: Sie läuft auch ohne äußere Signale weiter und wird täglich über Licht und Temperatur neu auf 24 Stunden eingestellt.
- Effect of diurnal temperature alternations on plant morphology in some greenhouse crops – a mini review Myster, Moe – Scientia Horticulturae 62, 1995Zeigt für mehrere Gewächshauskulturen, wie die Temperaturdifferenz zwischen Tag und Nacht (DIF) das Streckungswachstum steuert.
- Regulation of flowering by green light depends on its photon flux density and involves cryptochromes Meng, Runkle – Physiologia Plantarum 166, 2018Grünes Licht als Tagverlängerung verzögerte bei mehreren Kurztagspflanzen die Blüte – Grundlage für Zurückhaltung gegenüber „grünem Licht als sicherer Notbeleuchtung“.
- Photons from NIR LEDs can delay flowering in short-day soybean and Cannabis: Implications for phytochrome activity Kusuma, Westmoreland, Zhen, Bugbee – PLOS ONE 16, 2021Infrarot-LEDs verzögerten die Blüte von Cannabis um bis zu 12 Tage – auch für Kameras gedachtes Infrarotlicht ist damit kein unbedenkliches Nachtlicht.
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