Grow.Forum
PhotoperiodeFortgeschritten

Dämmerungseffekte: Wie Sonnenauf- und -untergang die Photoperiode beeinflussen

Von Aktualisiert am 3 Min. Lesezeit

Kurz erklärt

Dämmerungseffekte bezeichnen den Einfluss von Sonnenauf- und -untergang – oder simulierten Dimmrampen – auf die Photoperiode von Cannabis. Natürliche Dämmerung verschiebt das Verhältnis von Hellrot- zu Dunkelrotlicht, worauf Pflanzen an den Tagesrändern aber schwächer reagieren als tagsüber. Problematischer ist die Lichtmenge: Schon sehr schwaches Dämmerlicht von 1 bis 2 µmol/m²/s hat in Studien die Blüte photoperiodischer Sorten verzögert, weil es faktisch den Tag verlängert. Dimmrampen im Growraum sind deshalb in der Wachstumsphase unproblematisch, müssen in der Blüte aber vollständig innerhalb der programmierten Lichtphase enden.

Inhalt(7 Abschnitte)

Richtwerte auf einen Blick

Rot:Dunkelrot-Verhältnis bei Sonnenauf-/-untergang
sinkt gegenüber dem MittagslichtPflanzen reagieren an den Tagesrändern aber nachweislich schwächer auf diese Veränderung (Casal 2012)
Dämmerlicht als Tagverlängerung
schon ca. 1–2 µmol/m²/s wirksamin Studien an Hanf- bzw. Cannabissorten (Park et al. 2023; Zhang et al. 2021)
Betroffen
photoperiodische Sorten in der BlühphaseAutoflower-Pflanzen reagieren nicht auf die Nachtlänge
Dimmrampen im Wachstum
unproblematischdie Nacht bleibt ohnehin kurz genug, um die Pflanze vegetativ zu halten

Was Dämmerungseffekte sind

Dämmerungseffekte beschreiben, dass der Übergang zwischen Tag und Nacht für Cannabis keine scharfe Schwelle ist, sondern ein Zeitfenster mit sich verändernder Lichtmenge und Lichtqualität. Das betrifft zwei unterschiedliche Situationen: die natürliche Morgen- und Abenddämmerung bei Outdoor- und Gewächshausanbau und technisch simulierte Sonnenauf- und -untergänge, sogenannte Dimmrampen, die manche Growlampen und Regler anbieten. Beide unterscheiden sich vom einfachen Schaltbild einer Zeitschaltuhr, die das Licht abrupt ein- und ausschaltet.

Relevant wird das, weil Cannabis als Kurztagspflanze nicht nur zwischen Hell und Dunkel unterscheidet, sondern über Lichtrezeptoren auch die Lichtqualität und selbst sehr geringe Lichtmengen registriert. Wie diese Messung grundsätzlich funktioniert, erklärt der Artikel zur Photoperiode.

Warum die Dämmerung ein eigenes Signal ist

Bei Sonnenauf- und -untergang verändert sich das Licht nicht nur in der Menge, sondern auch in der Farbe: Weil die Atmosphäre bei flachem Sonnenstand einen längeren Weg zurücklegt, verschiebt sich das Verhältnis von Hellrot- zu Dunkelrotlicht zugunsten von Dunkelrot. Über Phytochrome ist genau dieses Verhältnis ein wichtiges Signal für Pflanzen, etwa bei der Reaktion auf Beschattung durch Nachbarpflanzen.

Eine Übersichtsarbeit zur Schattenvermeidung ordnet dazu einen bemerkenswerten Befund ein: Pflanzen reagieren an den beiden Extremen des Lichttags – also bei Sonnenaufgang und -untergang – nachweislich schwächer auf ein abgesenktes Hellrot-Dunkelrot-Verhältnis als mitten am Tag. Das lässt sich als Anpassung lesen, die verhindert, dass die alltägliche Dämmerung fälschlich als Beschattung durch Nachbarpflanzen gedeutet wird. Für die photoperiodische Steuerung der Blüte ist trotzdem nicht die Lichtfarbe das Hauptproblem, sondern schlicht die Lichtmenge: Jedes Quäntchen Dämmerlicht zählt für die Messung der Nachtlänge mit dazu.

Dimmrampen im Growraum: Sonnenauf- und -untergang simulieren

In der Wachstumsphase sind Dimmrampen unproblematisch, weil die Nacht dabei ohnehin kurz genug bleibt, um die Pflanze vegetativ zu halten. Ob sie dort einen echten Vorteil bringen, etwa weniger Stress beim Lampenwechsel, ist für Cannabis nicht eigens untersucht; die Praxis orientiert sich an Erfahrungen aus dem professionellen Gewächshausanbau anderer Kulturen, wo sanfte Übergänge verbreitet sind.

In der Blüte ist dagegen Vorsicht geboten. Eine Dimmrampe zum simulierten Sonnenuntergang muss vollständig innerhalb der programmierten 12 Lichtstunden enden. Reicht das Abdimmen in die eigentlich vorgesehene Dunkelphase hinein, verlängerst du den für die Pflanze wirksamen Tag genau um diese Zeitspanne – und genau in dieser Größenordnung haben Studien bereits Verzögerungen der Blüte gemessen. Prüfe deshalb bei der Programmierung, ob die Rampe als Teil der Lichtphase oder zusätzlich dazu läuft.

Natürliche Dämmerung im Freien und im Gewächshaus

Bei zeitgerecht ausgesäten Outdoor-Pflanzen ist die natürliche Dämmerung kein Problem, weil die Pflanze durchgehend unter den tatsächlichen Tageslängen des Standorts wächst; mehr dazu in der Kategorie Outdoor-Standort. Kritischer wird es, wenn zusätzliches Kunstlicht die Dämmerung künstlich verlängert – etwa Straßenlaternen am Balkonrand oder, im Gewächshaus, Beleuchtung aus einem benachbarten Raum oder Gebäudeteil. In einer Untersuchung beeinflusste genau solches Streulicht mit geringer Intensität den Blühbeginn einer Hanfsorte im Gewächshaus.

Wo sich das nicht vermeiden lässt, hilft eine Abdunkelung der Anbaufläche zur kritischen Zeit oder der Wechsel zu Sorten, die weniger empfindlich auf verlängerte Tage reagieren. Wie du Streulicht in geschlossenen Räumen systematisch findest, beschreibt der Artikel zu Lichtlecks; die Grundsätze lassen sich auf Gewächshaus und Freiland übertragen.

Typische Fehler und Irrtümer bei Dämmerungseffekten

  • Dimmrampen in der Blüte über das Lichtende hinaus laufen lassen. Das verlängert den wirksamen Tag genau um die Dauer der Rampe und kann die Blüte verzögern.

  • Nur auf die Helligkeit achten, die Lichtfarbe ignorieren. Für die Blühsteuerung zählt vor allem die Lichtmenge; ein verändertes Hellrot-Dunkelrot-Verhältnis allein wirkt an den Tagesrändern schwächer als angenommen.

  • Natürliche Dämmerung draußen mit Lichtverschmutzung verwechseln. Die alltägliche Sonnendämmerung ist unproblematisch; erst zusätzliches Kunstlicht in der Dämmerung wird zum Risiko.

  • Dimmrampen-Vorteile pauschal auf Cannabis übertragen. Belege aus anderen Kulturen lassen sich nicht ohne Weiteres gleichsetzen, solange eigene Untersuchungen an Cannabis fehlen.

  • Gewächshaus-Nachbarlicht nicht mitdenken. Beleuchtung in angrenzenden Räumen oder Gebäudeteilen kann als Dämmerungsverlängerung wirken, auch wenn sie nicht direkt auf die Pflanzen gerichtet ist.

Häufige Fragen

Was ist mit „Dämmerungseffekten“ genau gemeint?

Gemeint ist, dass der Übergang zwischen Licht und Dunkelheit für Cannabis nicht nur eine Frage von An oder Aus ist. Sowohl die natürliche Morgen- und Abenddämmerung als auch simulierte Dimmrampen verändern über einen Zeitraum von Minuten die Lichtmenge und teils auch die Lichtfarbe – beides kann die photoperiodische Steuerung beeinflussen.

Sind Dimmrampen (simulierter Sonnenauf- und -untergang) im Growraum sinnvoll?

Für die Wachstumsphase spricht wenig dagegen, weil die Nacht dabei ohnehin kurz bleibt. Ob Dimmrampen der Pflanze in der Blüte tatsächlich nützen, etwa durch weniger abrupten Stress, ist für Cannabis nicht gut untersucht; die Praxis stützt sich vor allem auf Erfahrungswerte aus dem Gewächshausanbau anderer Kulturen.

Kann natürliche Dämmerung im Freien oder Gewächshaus die Blüte verzögern?

Bei einer korrekt auf die Jahreszeit abgestimmten Aussaat ist das normale Dämmerlicht der Sonne kein Problem, weil die Pflanze ohnehin unter natürlichen Tageslängen wächst. Störend wird es, wenn zusätzliches Kunstlicht – etwa aus einem beleuchteten Nachbarraum im Gewächshaus oder von Außenleuchten – die Dämmerung künstlich verlängert.

Wie stelle ich eine Dimmrampe in der Blüte richtig ein, ohne den Lichtzyklus zu stören?

Die gesamte Auf- und Abdimmphase muss innerhalb der programmierten 12 Stunden Licht liegen, nicht in der Dunkelphase. Endet die Abdimmphase erst nach dem eigentlichen Lichtende, verlängerst du damit ungewollt den Tag um genau die Dauer der Rampe.

Gilt das auch für Autoflower-Pflanzen?

Nein, Autoflower-Sorten reagieren nicht auf die Nachtlänge und blühen unabhängig von Dämmerungseffekten. Dimmrampen können dort trotzdem aus praktischen Gründen sinnvoll sein, etwa um Temperaturschwankungen beim Lampenwechsel abzufedern.

Verwandte Themen

Alle Artikel der Kategorie Photoperiode

Aus dem Forum

Eigene Frage stellenoder im Forum Beleuchtung stöbern

Quellen

  1. Shade Avoidance Casal – The Arabidopsis Book 10, 2012Beschreibt, dass Pflanzen an den Extremen des Lichttags (Sonnenauf- und -untergang) schwächer auf die durch die Atmosphäre verringerte Rot:Dunkelrot-Ratio reagieren als tagsüber – eine Anpassung gegen Fehlsignale durch natürliche Dämmerung.
  2. Flowering Response of Cannabis sativa L. ‘Suver Haze’ under Varying Daylength-Extension Light Intensities and Durations Park, Collado, Lam, Hernández – Horticulturae 9, 2023Schon rund 1 µmol/m²/s als Tagverlängerung verhinderte den vollständigen Übergang zur Blüte – Beleg für die Wirkung sehr schwachen Dämmerlichts.
  3. Photoperiodic Flowering Response of Essential Oil, Grain, and Fiber Hemp (Cannabis sativa L.) Cultivars Zhang, Anderson, Brym, Pearson – Frontiers in Plant Science 12, 2021Im Gewächshaus beeinflusste Dämmerlicht von rund 2 µmol/m²/s den Blühbeginn einer Hanfsorte.
  4. Photoperiodic Flowering: Time Measurement Mechanisms in Leaves Song, Shim, Kinmonth-Schultz, Imaizumi – Annual Review of Plant Biology 66, 2015Übersicht zum Mechanismus der Tageslängenmessung, Grundlage dafür, warum auch geringe Lichtmengen am Rand des Tages als Signal zählen.
  5. Light signals and flowering Thomas – Journal of Experimental Botany 57, 2006Ordnet ein, wie Phytochrome und Cryptochrome Lichtqualität und Lichtmenge gemeinsam auswerten, um daraus das Blühsignal abzuleiten.

So entstehen unsere Artikel: Redaktionsrichtlinien und Qualitätsstufen. Fehler gefunden? Schreib es in die Diskussion – wir prüfen jeden Hinweis.

Erfahrung ergänzen

Eigene Erfahrungen, Ergänzungen und Korrekturen zu diesem Artikel sind willkommen.

Anmelden, um den ersten Beitrag zu schreiben.